Europa warnt in Mailand: Nikotin geht neue Wege

Der Nikotinkonsum geht neue Wege. Zwar nimmt der Konsum herkömmlicher Zigaretten in Europa insgesamt ab, doch befindet sich die Suchtlandschaft mit neuen Produkten im raschen Umbruch: E-Zigaretten, Nikotinbeutel, erhitzte Tabakprodukte, Online-Marketing und jugendorientierte Influencer-Strategien.
An der
10. European Conference on Tobacco or Health (ECToH) trafen sich vom 20. bis 22. Mai Forschende, politische Entscheidungsträger, Gesundheitsorganisationen und Präventionsakteure aus ganz Europa unter dem selbstredenden Titel «Nicotine-Free Spaces for Healthier Cities».

Er bringt zum Ausdruck, was in den Korridoren der Konferenz auf allen Lippen lag: Der Tabakkonsum geht zwar geringfügig zurück, doch geht Nikotin neue Wege.

ECToH2026

«Das ist nicht Schadensminderung, das ist Schadensschaffung»

Schon an der Eröffnung der Konferenz wurde der Ton angegeben.

In einer Videobotschaft prangerte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, die neuen Suchtmechanismen der jüngsten Nikotinprodukte mit einer Formel an, die sich vielen Teilnehmenden eingeprägt hat:

«This is not harm reduction, this is harm creation.»

Drei Tage lang drehten sich die Referate um ein und dieselbe Problematik: Die Tabak- und Nikotinindustrie verschwindet nicht, sie verändert sich nur.

So erinnerte der Präsident des Wissenschaftsrats der ECToH 2026, Dr. Silvano Gallus, der auch Forscher am Institut Mario Negri in Mailand ist, daran, dass Europa bei der Tabak- und Nikotinbekämpfung in eine besonders komplexe Phase eintritt. Einerseits geht der Konsum herkömmlicher Zigaretten in mehreren Ländern allmählich zurück, andererseits sind die Gesundheitsakteure über den Boom der neuen Produkte besorgt.

Mehrere wissenschaftliche Sessions befassten sich mit E-Zigaretten, erhitzten Tabakprodukten und Nikotinbeuteln, deren Konsum unter Teenagern und Jugendlichen in mehreren europäischen Ländern rasant zunimmt. Die Forschenden betonten, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den langfristigen Wirkungen bestimmter Produkte noch begrenzt sind, während sie sich immer schneller verbreiten. Dabei haben mehrere vorgestellte Studien in neuen Produkten toxische und krebserregende Substanzen nachgewiesen, weshalb die Spezialistinnen und Spezialisten wegen dieser neuen Konsumformen eine Welle von Gesundheitsproblemen befürchten.

Verschleierte Marketingstrategien

Unter den vielen in Mailand angeschnittenen Themen nahm das Marketing im Internet und in den Sozialen Medien einen wichtigen Platz ein.

Amélie Eschenbrenner vom Comité national contre le tabagisme (CNCT) in Frankreich stellte ein Monitoring der Nikotinprodukte-Werbung in den Social Media vor. Dabei war ein markanter Befund, dass die offensichtliche Werbung seit 2025 auf mehreren Plattformen zurückzugehen scheint. Doch trügt dieser Schein.

Die Marketingstrategien verändern sich rasant und werden unscheinbarer: in privaten Gruppen, via SMS- und E-Mail-Marketing, durch Influencer, über vergängliche Inhalte, Emojis, Memes und in den visuellen Codes der Online-Teenagerkultur.

Dabei fallen die gesetzlich vorgeschriebenen Warnhinweise oft weg. Hinzu kommt, dass bei einem grossen Teil der analysierten Inhalte der Werbecharakter nicht klar ersichtlich war.

Zum Schluss erinnerte die Forscherin daran, dass für die jungen Konsumierenden die Aromen wesentlich zur Attraktivität der neuen Nikotinprodukte beitragen. Daher überrascht es nicht, dass diese bei den Marketingstrategien eine zentrale Rolle spielen.

Einstieg zum Nikotinkonsum

An der Konferenz wurden mehrere Studien vorgestellt, die zeigen, wie einfach Minderjährige Zugriff auf neue Nikotinprodukte haben.

An einer Session über Tabak- und Nikotinkonsum von Minderjährigen stellte die Forscherin Marta Agnieszka Miller, die an der PolNicoYouth-Studie in Polen mitarbeitet, Daten vor, die den stark wachsenden E-Zigaretten- und Nikotinbeutel-Konsum unter Teenagern belegt. Andere Referate berichteten davon, dass der Einstieg für bestimmte Produkte heute bereits mit 13 und 14 Jahren erfolgt.

Laut mehreren Forscherinnen und Forschern in Mailand sind E-Zigaretten heute in mehreren europäischen Ländern die meistkonsumierten Nikotinprodukte im Teenageralter, noch vor herkömmlichen Zigaretten.

Auch die Nikotinbeutel bereiten zunehmend Sorgen. An einer Session dazu ging Lotus Sofie Bast, Senior-Forscherin am Statens Institut for Folkesundhed der Universität Süddänemark, auf das Profil dieser neuen Konsumentengruppe ein: Handelt es sich in erster Linie um Teenager, die schon herkömmliche Zigaretten konsumierten oder um eine neue Population, die durch diese Produkte in die Nikotinabhängigkeit einsteigen? Aufgrund der bestehenden Datenlage scheint Letzteres zuzutreffen; diese Produkte ziehen vor allem neue junge Konsumierende an.

Nikotin, der neue Kulturkampf

Mehrere Beiträge betonten, dass eine tiefgreifende Entwicklung stattfinde, die über die neuen Produkte hinausgehe: die allmähliche Normalisierung der Nikotinprodukte im digitalen und kulturellen Raum der Minderjährigen.

Demnach muss das Nikotin-Ökosystem heute als Ganzes angesehen werden, das in den Sozialen Medien, in den Kultur-Codes und teils auch im öffentlichen Raum allgegenwärtig ist.

Vor diesem Hintergrund wurde mehrfach die Meinung laut, die Gesundheitspolitik dürfe sich nicht mehr auf die Reglementierung gewisser Produkte beschränken, sondern sollte die Nikotinindustrie an und für sich, ihren Einfluss auf die Konsumpraxis sowie den Online-Raum und die sozialen Normen umfassen.

Preis, Steuern und soziale Ungleichheit

Mehrere Expertenstimmen erinnerten daran, dass die Bevölkerungsgruppen mit dem tiefsten Einkommen nach wie vor am stärksten vom Tabakkonsum und seinen Gesundheitsfolgen betroffen sind.

In diesem Zusammenhang stellten mehrere Beiträge die Preis- und Steuerpolitik als einer der wirksamsten Hebel im Kampf gegen den Konsum dar, gerade unter Teenagern und Jugendlichen.

Die Schweiz noch immer ganz hinten

Ein Höhepunkt am ersten Konferenztag war die Präsentation der Tobacco Control Scale 2025, der Rangliste der Tabakkontrollpolitik von 37 europäischen Ländern.

TCS-2025-3

Die Schweiz belegt weiterhin den vorletzten Platz.

AT Schweiz hat kürzlich darüber berichtet, dass diese schlechte Einstufung insbesondere auf die grossen Mängel bei der Beschränkung der Tabak- und Nikotinwerbung, beim Schutz vor der Einflussnahme durch die Tabakindustrie und bei der Reglementierung der neuen Nikotinprodukte zu tun hat.

An der Eröffnung der Konferenz erinnerte der Stellvertretende Generaldirektor für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit der Europäischen Kommission (GD Gesundheit), Dirk Van den Steen, dass die europäischen Erfolge der letzten Jahre nicht über die künftigen Herausforderungen hinwegtäuschen dürfen. «This is not a sprint, but a marathon», meinte er dazu.

Fazit: Die Produkte und die Industrie regulieren

Mehrere Beiträge zur tobacco industry inference, also zur Einflussnahme der Tabakindustrie in Forschung, Politik und Kommunikation, haben gezeigt, mit welch weitreichenden Strategien sich die Industrie mit den sogenannten «Schadensminimierungsprodukten» neu positionieren will. In mehreren Fachbeiträgen wurde darauf hingewiesen, dass die Industrie mit dieser Strategie versucht, sich und das Nikotin so zu positionieren, dass sie nicht mehr als Problem sondern als Teil der Lösung erscheinen. Mit ihrem Konzept der harm reduction, also der «Schadensminimierung», trage die Industrie aber auch dazu bei, die Risikowahrnehmung für diese Produkte zu trüben, die doch zur Nikotinabhängigkeit beitragen und heute eine neue Generation erreichen.

In Mailand betonten mehrere Referate, dass die Tabakbekämpfung heute in eine neue Phase eintritt.

Während Jahrzehnten konstruierte sich die Präventionspolitik im Wesentlichen um die herkömmlichen Zigaretten. Heute sehen sich die Präventionsakteure mit einer fragmentierten Realität konfrontiert, die sich online abspielt und unbeständig ist. Nikotin zirkuliert jetzt in neuen Produkten, mit neuen Kulturcodes und dank neuen Marketingstrategien.

In vielen Gesprächen tauchte eine Frage immer wieder auf: Wie kann die neue Generation vor Nikotinabhängigkeit geschützt werden, die heute diskreter, technologischer und diffuser auftritt; und oft sogar modern und harmlos erscheint?

Mehrere Expertinnen und Experten in Mailand sahen die Herausforderung der kommenden Jahre nicht nur bei der Reglementierung der Produkte, sondern auch beim Setzen eines engeren Rahmens für die Industrie- und Vermarktungsstrategien, die heute zur Verbreitung von Nikotin im digitalen, sozialen und kulturellen Raum beitragen, dort, wo sich die junge Generation aufhält.

Der Wissenschaftsrat der ECToH hat die lokalen, nationalen und europäischen Behörden aufgerufen, alles daran zu setzen, ehrgeizige, weltweite Massnahmen gegen alle Tabak-, Nikotin- und assoziierten Produkte durchzusetzen. Dazu gehören auch strenge, effiziente Regulierungen, namentlich die Verschärfung der Preis- und Steuerpolitik sowie der Jugendschutz, der Umweltschutz und der Schutz des Staates vor der Einflussnahme durch die Industrie.

Declaration ECTOH Milan 2026

So engagierte sich AT Schweiz an der ECToH 2026

An der dreitägigen Europäischen Tabak- und Gesundheitskonferenz ECToH spielte AT Schweiz eine wichtige Rolle.

Als Direktor von AT Schweiz hatte Luciano Ruggia Einsitz im Wissenschaftsrat der ECToH. Er moderierte zudem eine Session über die neuen Tabak- und Nikotinprodukte («Novel and Emerging Nicotine and Tobacco Products») und referierte auch dazu.

Benoît Perriard, Projektmanager Kommunikation von AT Schweiz, stellte ein Poster zum Projekt passivesmoke.ch vor, moderierte eine Session mit wissenschaftlichen Plakaten und nahm die Berichterstattung für den vorliegenden Blog-Post wahr.

Als Projektmanager Wissensmanagement nahm Kris Schürch am Podiumsgespräch im Plenum zum Thema «Tobacco Control Scale» teil, moderierte eine Session mit wissenschaftlichen Plakaten und stellte ein Poster über «Sociodemographic Differences in Smoking Behaviours by Migration Background» vor.

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