- 23.04.2026
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AT Schweiz fordert redaktionelle Überprüfung eines Kommentars zum Dampfen im International Journal of Public Health
Bern, 23. April 2026 – AT Schweiz hat sich offiziell an das Redaktionsteam des International Journal of Public Health gewandt und Bedenken zu einem kürzlich veröffentlichten Kommentar geäußert, der Trends beim Dampfen in Großbritannien als bedeutenden Meilenstein für die öffentliche Gesundheit darstellt. Die Organisation fordert eine kritische Überprüfung der Interpretation der vorliegenden Evidenz sowie der Transparenz möglicher Interessenkonflikte der Autoren.
In einem Schreiben an den Chefredaktor legt AT Schweiz mehrere wissenschaftliche und ethische Bedenken zum Kommentar „Harm Reduction Implications of Vaping Overtaking Smoking in Great Britain“ von Adebisi, Polosa und George (2026) dar.
Wissenschaftliche Interpretation wirft wichtige Fragen auf
Bei dem betreffenden Artikel handelt es sich um einen Kommentar und nicht um Originalforschung. Das bedeutet, dass seine Schlussfolgerungen auf der Interpretation bestehender Daten und nicht auf neuen empirischen Erkenntnissen beruhen. Nach Ansicht von AT Schweiz ist diese Unterscheidung besonders dann entscheidend, wenn weitreichende gesundheitspolitische Empfehlungen formuliert werden.
Eine zentrale Aussage des Kommentars — dass eine höhere Prävalenz des Dampfens im Vergleich zum Rauchen einen bedeutenden Meilenstein für die öffentliche Gesundheit darstelle — wird als überhöht bewertet. Der Vergleich stützt sich auf unterschiedliche Erhebungen mit verschiedenen methodischen Ansätzen, was die Aussagekraft direkter Vergleiche einschränkt.
Grundsätzlich weist AT Schweiz auf die Gefahr hin, Korrelation mit Kausalität zu verwechseln. Rückgänge der Raucherprävalenz, die parallel zu steigenden Dampferzahlen beobachtet werden, können nicht automatisch dem Dampfen zugeschrieben werden — insbesondere in einem Kontext wie dem Vereinigten Königreich, wo langjährige Maßnahmen der Tabakkontrolle, darunter Steuerpolitik, Rauchverbote, neutrale Verpackungen und Unterstützungsangebote zur Tabakentwöhnung, maßgeblich zur Reduktion des Rauchens beigetragen haben.
Zudem stellt das Schreiben fest, dass optimistische Interpretationen — etwa die Annahme, dass Doppelkonsum nur vorübergehend sei oder Risiken für Jugendliche durch Vorteile für erwachsene Raucher übertroffen würden — hervorgehoben werden, während Unsicherheiten und langfristige Risiken weniger Beachtung finden.
Fragen zur Transparenz von Zugehörigkeiten und Finanzierungen
Neben wissenschaftlichen Aspekten betont AT Schweiz die Bedeutung vollständiger Transparenz hinsichtlich institutioneller Zugehörigkeiten und Finanzierungsquellen, insbesondere in einem Forschungsfeld mit einer langen Geschichte industrieller Einflussnahme.
Öffentlich zugängliche Informationen weisen darauf hin, dass einige Autoren des Kommentars mit Forschungsinitiativen in Verbindung stehen, die mit Organisationen verknüpft sind, die direkt oder indirekt von der Tabakindustrie finanziert werden. Diese Verbindungen sind zwar teilweise offengelegt, erfordern jedoch nach Ansicht von AT Schweiz eine sorgfältige redaktionelle Prüfung, um sicherzustellen, dass alle relevanten Beziehungen klar ausgewiesen und angemessen eingeordnet sind.
Ein Autor weist langjährige und gut dokumentierte Kooperationen mit der Tabakindustrie auf, während ein anderer finanzielle Unterstützung von Organisationen erhalten hat (https://www.tobaccotactics.org/article/riccardo-polosa/ ), die durch Philip Morris International finanziert werden (https://www.tobaccotactics.org/article/knowledge-action-change/ ).
AT Schweiz unterstreicht, dass Transparenz keine bloße formale Anforderung ist, sondern eine grundlegende Voraussetzung, um das Vertrauen in wissenschaftliche Literatur und gesundheitspolitische Entscheidungsprozesse zu erhalten.
Ein übergeordnetes Anliegen: Schutz der Integrität wissenschaftlicher Publikationen
Über diesen einzelnen Artikel hinaus macht AT Schweiz auf ein grundlegenderes Problem aufmerksam: Die Veröffentlichung politisch stark gewichteter Kommentare durch Autoren mit Verbindungen zu industriegeförderten Netzwerken kann das Vertrauen in wissenschaftliche Fachzeitschriften untergraben.
Die Tabakindustrie verfügt über eine gut dokumentierte Geschichte der Beeinflussung wissenschaftlicher Narrative, der Steuerung von Forschungsagenden und der Einflussnahme auf gesundheitspolitische Debatten. In diesem Kontext kommt wissenschaftlichen Fachzeitschriften eine zentrale Rolle als Hüter verlässlicher und unabhängiger Evidenz zu.
AT Schweiz fordert daher erhöhte Wachsamkeit, strengere Offenlegungsstandards und eine sorgfältige redaktionelle Prüfung bei Beiträgen zu Tabak- und Nikotinprodukten.
Forderung nach redaktionellen Maßnahmen
In seiner Mitteilung an die Fachzeitschrift fordert AT Schweiz das Redaktionsteam auf:
- die Interpretation der Evidenz und die gesundheitspolitischen Schlussfolgerungen des Artikels zu überprüfen
- zu prüfen, ob die Offenlegung von Interessenkonflikten vollständig und ausreichend transparent ist
- zu beurteilen, ob Klarstellungen oder redaktionelle Maßnahmen erforderlich sind
- zu evaluieren, ob im Falle bestätigter Bedenken eine Rücknahme des Artikels in Betracht gezogen werden sollte
Nach Ansicht von AT Schweiz sind diese Schritte notwendig, um sicherzustellen, dass wissenschaftliche Publikationen weiterhin verlässliche Grundlagen für politische Entscheidungsträger, Fachpersonen im Gesundheitswesen und die Öffentlichkeit darstellen.
Zentrale Botschaft
Wissenschaftliche Glaubwürdigkeit und Transparenz sind grundlegende Voraussetzungen in der Forschung zu Tabak- und Nikotinprodukten. Wenn Publikationen weitreichende politische Positionen auf der Grundlage selektiver Interpretationen oder unzureichender Offenlegung von Interessenkonflikten vertreten, steht die Integrität der öffentlichen Gesundheit auf dem Spiel.