Appenzell Innerhoden bricht mit 150-jähriger Tradition zugunsten der Tabakprävention

Von Christian Winiker

Wie ein Magnet zieht es Touristen an, das idyllische Appenzell mit seiner lieblichen Landschaft, seinen schmucken Dörfern, satten Wiesen und farbigen Trachten. Letztes Jahr verbuchte der landwirtschaftlich geprägte Halbkanton 190’000 Logiernächte. Er ist auch Sinnbild tief verankerter Traditionen: Die «Vechschau», die seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Oktober durchgeführte Viehschau, ist für die Bauern der wichtigste Tag im Jahr. Dabei zählen nicht innere Werte der Kühe wie etwa die Milchleistung, sondern äussere: Es geht, schnöde und allein, um Schönheit. Von den rund 15'000 Kühen schaffen es 600 ins Finale auf dem Brauereiplatz. Aus den prachtvoll gestriegelten, geschmückten und verzierten kürt eine Jury die Tagessiegerin.

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Die Brueder Marco, links, und Thomas Inauen, rauchen an der Grossviehschau, am Dienstag, 8. Oktober 2013, in Appenzell. Traditionellerweise duerfen an Viehschauen und am Funkensonntag auch Kinder rauchen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Rauchen als Teil der Kultur

An der Viehschau wird gefeiert, gegessen, getrunken und geraucht, seien es Stumpen, eine «Krumme» oder aus den bunten Tabakpfeifen, es sind kleine Kunstwerke. Die grosse Überraschung ist nicht, dass weiterhin geraucht wird, sondern wer es tut: Sogar Kinder ziehen an einem Glimmstengel – und dies nicht etwa versteckt, sondern vor aller Augen. Das ist zwar nicht legal, gehört aber zur Tradition. Doch ab nächstem Jahr ist Schluss damit.

Das im Jahre 2024 in Kraft getretene Tabakproduktegesetz erlaubt unter anderem die kostenlose Verteilung und der Verkauf von Zigarren und Zigarillos nur noch mit Alterskontrolle und in abgeschirmten Bereichen, etwa Konzerten. Die Plakatwerbung im öffentlichen Raum sowie Werbung im öffentlichen Verkehr, in öffentlichen Gebäuden, Kinos und auf Sportplätzen ist ebenfalls verboten.

Nur ein Jahr später beschloss das Parlament weitere Verschärfungen. Vorgesehen sind nun stärkere Verbote an Verkaufsstellen, im Internet und in sozialen Medien. Den Kantonen ist es freigestellt, weitergehende Massnahmen zu erlassen – und genau das beschloss der Grossrat am 22. Juni. So sind etwa Tabak-Degustationen ab 2027 generell verboten. Dieser Entscheid überrascht umso mehr, als Appenzell Innerrhoden traditionell ein liberaler Kanton hinsichtlich des Tabakkonsums war.

Aus den Ewiggestrigen werden Vorreiter beim Jugendschutz

Dass es so weit kam, liegt daran, dass sich die Umsetzung der Gesetze als sehr schwierig erwies. Deshalb entschied man, die Verkaufsförderung ganz zu verbieten. «Auch Innerrhoden darf einmal Vorreiter sein», erklärt die Grossrätin Karin Inauen Mäder gegenüber dem Regionaljournal Ostschweiz nicht ohne Stolz. Ein Seitenhieb auch gegen alle, für die Appenzell Hort der Ewiggestrigen ist, die aus Prinzip alles ablehnen, was «von Bern» kommt.

Der Entscheid sei für Appenzell geradezu revolutionär, erklärt Gesundheitsdirektorin Monika Rüegg Bless. Die lebhafte Debatte drehte sich denn auch um Grundsätzliches: eine liberale Gesetzgebung gegenüber einem besseren Jugendschutz. Letzteres habe nun obsiegt. Selbst wenn wenige Personen vom Urteil betroffen sind – Innerrhoden zählt gerade mal 17'000 Einwohner – kommt dem Entscheid Symbolcharakter zu. Die Präventivmediziner atmen nach jahrzehntelangem Kampf auf.

Die Königin des Tages wird weiterhin gekürt – aber ohne Kinder mit Zigarette im Mund

Doch keine Bange – Traditionen werden in Appenzell nicht einfach so über den Haufen geworfen. So wird bis auf weiteres jedes Jahr eine bunte Viehschau stattfinden, an der die Schönste im Land gekürt wird.

Bloss ohne qualmende Kinder und Jugendliche.

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