Wirtschaftliche Kosten des Rauchens

Rauchen verursacht eine ganze Reihe von Kosten zu Lasten der Gesellschaft. Volkswirtschaftlich werden diese Kosten als negative externe Effekte definiert. In der Tabakindustrie lassen sich die aus dem Konsum suchtverursachender, schädlicher Produkte erwachsenden Sozialkosten in verschiedene Arten unterscheiden. Zu den am häufigsten berücksichtigten direkten Gesundheitskosten kommen soziale, wirtschafts- und umweltspezifische Kosten hinzu. Sie sind deutlich schwerer zu bewerten, aber dennoch sehr real und nicht unerheblich.

2015 entstandene Kosten in der Schweiz: 3 Milliarden + 2 Milliarden = 5 Milliarden!

Die jüngste, vom Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie verfasste Schweizer Studie «Die Krankheitslast des Tabakkonsums in der Schweiz. Schätzung für 2015 und Prognose bis 2050» untersucht die medizinischen Kosten aus dem durch den Tabakkonsum verursachten Verlust an Arbeitstagen.[i]

Todesfälle und verlorene Lebensjahre

Im Jahr 2015 verstarben in der Schweiz insgesamt 9'535 Personen (3'461 Frauen und 6'074 Männer) am Tabakkonsum. Dies entspricht 14.1% aller Todesfälle im Berichtsjahr. Mit 2'708 Todesfällen steht Lungenkrebs ursächlich an erster Stelle. Weitere häufige Todesursachen sind u. a. eine Verengung der Herzkranzgefässe, Erkrankungen der Lunge und der Atemwege bzw. die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) sowie weitere Krebsleiden und Herzerkrankungen. Vor ihrem Ableben – bedingt durch direkte Folgeerscheinungen des Tabakkonsums (z. B. Lungenkrebs) oder andere Ursachen – benötigen Raucherinnen und Raucher häufig langfristige und sehr kostenintensive medizinische Pflege.

Die durch Krankheit verlorenen gesunden Lebensjahre werden bei der Kostenschätzung ebenfalls berücksichtigt. Dazu werden die entsprechenden DALYs («disability-adjusted life years» / verlorene gesunde Lebensjahre) ermittelt. Gerechnet auf die Gesamtheit aller Erkrankungen kam es im Jahr 2015 in der Schweiz insgesamt zu schätzungsweise über 2 Millionen DALYs. Von dieser Gesamtzahl waren 208'999 DALYs – d. h. 10.2% aller DALYs insgesamt – dem Rauchen zuzuschreiben. Die aus diesen verlorenen Lebensjahren, dem Verlust an Lebensqualität oder Produktivität erwachsenden Kosten lassen sich rein wirtschaftlich oder finanziell teilweise nur schwer beziffern, was zu den nachgewiesenen Unterschätzungen führt (vgl. nachstehend unterschätzte Sozialkosten).

Medizinische Kosten in Höhe von 3 Milliarden Franken

Rauchen führte im Jahr 2015 zu direkten medizinischen Kosten (medizinische Behandlungen, Medikamente, Hospitalisierungen, etc.) in Höhe von CHF 3 Mrd.; dies entspricht CHF 363 pro Kopf. Die Krankenversicherungskosten bezifferten sich im Berichtsjahr auf CHF 77.6 Mrd., d. h. besagte 3 Mrd. direkte Kosten machen 3.9% der gesamten Gesundheitsausgaben aus. Im Verbund mit der Optimierung und der Entwicklung zahlreicher onkologischer Therapien – darunter u. a. die Immuntherapie – sind die Kosten für bestimmte tabakbedingte Behandlungen in den letzten Jahren stark gestiegen. Daher dürften die tabakbedingten medizinischen Kosten in den kommenden Jahren in aller Wahrscheinlichkeit einen Anstieg verzeichnen.

Produktionsverluste in Höhe von 2 Milliarden Franken

In der Folge befasst sich die Studie mit den Produktionsverlusten aus tabakbedingten Fehlzeiten. Befristete oder dauerhafte Fehlzeiten von Arbeitnehmenden generieren Kosten oder zusätzliche Verluste für die Wirtschaft (z. B. Ersatzkosten, Rekrutierungskosten, Schulungskosten etc., um Fehlzeiten zu kompensieren). Rauchen führte im Jahr 2015 zu Produktionsverlusten in Höhe von CHF 2 Mrd., d. h. CHF 242 pro Kopf. In diesem Kontext gilt es anzumerken, dass die in der Studie von Mattli angewandte Kalkulationsmethode das Humankapital berücksichtigt und damit die Kosten für Fehltage (Krankheitstage) zu Frührente oder Sterbefällen hinzurechnet.

Die vorstehende Kostenaufschlüsselung reicht jedoch nicht aus, um alle aus dem Tabakkonsum resultierenden volkswirtschaftlichen Kosten zu ermitteln. Eine britische Studie konnte auch aufzeigen, dass sich der Tabakkonsum deutlich negativ auf die einzelnen Einkommen und die Beschäftigungsperspektiven auswirkt. Im Vereinigten Königreich führen tabakbedingte Arbeitslosigkeit und geminderte Einkommen zu Einkommensverlusten in einer Grössenordnung von GBP 14.1 Mrd. Unter Rauchern liegt die Wahrscheinlichkeit einer Arbeitslosigkeit um 5% höher als bei Nichtrauchern und bei Langzeitrauchern liegt dieser Wert sogar bei 7.5%. Rauchstopps erweisen sich jedoch als positiv; Schätzwerten zufolge sinkt besagte Wahrscheinlichkeit dann auf 2.5%. Dieselbe Analyse kommt zu dem Schluss, dass Nichtraucher im Schnitt 6.8% mehr verdienen als Raucher, doch diesem Einkommensunterschied wären noch die zum Erwerb der konsumierten Tabakwaren ausgegebenen Mittel hinzuzurechnen. Abgesehen von diesen Zahlen kann der Tabakkonsum auch zu tragischen persönlichen Lebenssituationen führen, da Menschen aufgrund tabakbedingter Erkrankungen ihre Arbeit oder ihren Beruf verlieren können.[ii]

Unterschätzte Sozialkosten

Neben den direkten medizinischen Kosten sind auf kollektiver Ebene auch soziale Kosten zu verzeichnen, die bei den vorstehend genannten Schätzwerten nicht eingerechnet wurden. Einem jüngsten, mit Kosten dieser Art befassten Bericht zufolge, zeigt sich in Grossbritannien, dass Raucher mit einer um das 2.5-fache höheren Wahrscheinlichkeit soziale Betreuung (social care support) in Anspruch nehmen als Personen, die nie geraucht haben. Bei Ex-Rauchern liegt diese Wahrscheinlichkeit um das 1.5-fache höher. Im Schnitt stossen Raucher in der Umsetzung von Aufgabenstellungen um 7 Jahre früher auf Schwierigkeiten als jene, die nie geraucht haben und nehmen 10 Jahre früher Unterstützung in Anspruch. Raucher und Ex-Raucher erhalten auch mehr Stunden bezahlte Hilfe (18 Stunden/Woche) als Personen, die nie geraucht haben (5 Stunden/Woche), d. h. das 3.6-fache. [iii]

In der Schweiz liegen beispielsweise keine Zahlen dazu vor, in welchem Verhältnis Raucher und Ex-Raucher Invalidenversicherung beziehen oder zu den im Verbund mit Tabakkonsum von Kantonen oder anderen Sozialhilfeträgern übernommenen tabakbedingten Sozialkosten.

Anzumerken ist in diesem Kontext die starke Relation zwischen sozio-ökonomischem Niveau, Tabakkonsum und sozio-ökonomischen Auswirkungen des Tabakkonsums. Diese Relation wird als «Eisenkette» definiert, die das Rauchen mit sozialer Ungleichheit verbindet. In der Tat sind die stärksten Raucher niedrigeren sozio-ökonomischen Schichten zuzuordnen; [iv] diese Bevölkerungsschichten haben auch die stärksten Auswirkungen des Tabakkonsums zu verzeichnen. Künftige Kostenevaluierungen des Tabakkonsums in der Schweiz sollten idealerweise auch die sogenannten sozialen Aspekte in ihre Kostenschätzung aufnehmen.

Abbildung:  All Party Parliamentary Group (APPG) on Smoking and Health (2021): Delivering a Smokefree 2030: The All Party Parliamentary Group on Smoking and Health recommendations for the Tobacco Control Plan 2021.

Kosten des Tabakkonsums im Vergleich zu anderen Süchten: 50% des gesamten Kostenaufwands

Eine im Jahr 2020 neu veröffentlichte Studie berücksichtigt die aus verschiedenen Süchten erwachsenden Kosten in der Schweiz. Sie liegt mit ihren Kostenschätzungen unter denen, die Mattli im Zusammenhang mit dem Rauchen ermittelt hat (allerdings bei unterschiedlichen Kalkulationsansätzen), unterstreicht jedoch die Erkenntnis, dass über die Hälfte der aus Suchtverhalten entstehenden Kosten dem Rauchen zuzuordnen sind.[v)

Laut dieser Studie führte Suchtverhalten in der Schweiz im Jahr 2017 zu geschätzten wirtschaftlichen Kosten in Höhe von CHF. 7.7 Mrd. Dieser Schätzwert wurde mit Hilfe der Friktionskosten-Methode ermittelt (im Gegensatz zu dem von Mattli verwendeten Humankapital-Ansatz). Würden die Produktionsverluste mit Hilfe des Humankapital-Ansatzes ermittelt, so hätte dies ein um die Hälfte (d. h. CHF 11.5 Mrd.) teureres Ergebnis zur Folge. Der grösste Teil der CHF 7.7 Mrd. ist dem Rauchen zuzuschreiben (3.9 Mrd.), gefolgt von Alkohol (knapp 2.8 Mrd.) und Drogen (0.9 Mrd.). Die aus der Spielsucht erwachsenden Kosten belaufen sich auf zusätzliche CHF 61 Mio.; allerdings liessen sie sich nur teilweise ermitteln. Weitere Süchte blieben mangels entsprechender Daten unberücksichtigt.

Die relative Bedeutung der aus bestimmten Süchten erwachsenden Kosten stellt auch unsere Gesundheitspolitiker vor spezielle Herausforderungen.[vi] An dieser Stelle sei noch angemerkt, dass umweltspezifische Kosten in diesem Kontext unberücksichtigt blieben, dies vor allem vor dem Hintergrund, dass keine andere Sucht Umweltkosten generiert, die dem Rauchen vergleichbar wären.

Umweltspezifische Kosten des Rauchens

Keine Schweizer Studie berücksichtigt negative, durch die Produktion und den Konsum von Tabak anfallende Auswirkungen auf die Umwelt. Gleichzeitig kommt der Produktionszyklus von Tabak einer Umweltkatastrophe gleich und es handelt sich dabei mit grosser Wahrscheinlichkeit um genau das industrielle Verarbeitungsverfahren, das die stärksten Negativauswirkungen auf die Umwelt zeitigt – vor allem auch angesichts der in unserem Lande bekannten negativen Effekte des Endprodukts. In einem im Jahr 2017 veröffentlichten Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den umweltspezifischen Auswirkungen der Tabakindustrie kamen die Autoren zu dem Schluss, dass Rauchen ein grosses Problem für eine nachhaltige weltweite Entwicklung darstellt. In der Tat schlussfolgert der Bericht, dass Rauchen nicht einfach nur als Bedrohung für die Gesundheit einzuschätzen sei, vielmehr sei es als Bedrohung für die gesamte menschliche Entwicklung zu werten.[vii]

Ein Grossteil der umweltschädigenden Konsequenzen des Tabakanbaus zeigt sich in den Anbauländern (z. B. Afrika oder Brasilien) in Form von Abholzung der Wälder, intensivem Einsatz von Pestiziden und Fungiziden und einem enormen Verbrauch von Wasser und anderen Ressourcen, doch weitere negative Folgen zeitigen ihre Wirkung auch auf unsere Umwelt.

Meist wird die Zigarettenkippe ganz einfach auf den Boden geworfen und bildet dort bei entsprechenden Reinigungsaktionen den am häufigsten zu entsorgenden Abfall. Diese Abfälle finden sich letzten Endes meist in unseren Gewässern, in Bächen, Flüssen und Seen. Ein anderer Teil der Abfälle – darunter auch die umweltschädigenden Abfälle neuer Produkte (E-Zigaretten, etc.) – landet in unseren Aufbereitungsanlagen. Dabei handelt es sich um Plastikteile (z. B. Zigarettenfilter), Schwermetalle und Unmengen an schädlichen chemischen Substanzen, die es aufzubereiten, zu filtern oder zu verbrennen gilt. Es stellt sich daher die Frage, wie diese Art von Abfällen in die Kostenrechnungen einzustellen ist. Eine nächste Studie zur Evaluierung der im Zusammenhang mit dem Tabakkonsum in der Schweiz anfallenden Kosten hätte sich auch mit diesem Aspekt zu befassen.

Künftige Kostenentwicklung: Immer teurer

Für die kommenden Jahre weist alles auf einen Anstieg der wirtschaftlichen und sozialen Kosten des Tabakkonsums. Zum einen zeigt sich die Prävalenz des Rauchens nicht rückläufig und die Prognosen deuten auf eine Annäherung des Raucheranteils bei den Frauen (23% im Jahr 2017) und den Männern (31% im Jahr 2017). Sofern der Raucheranteil in den kommenden Jahren stagniert, werden das demographische Wachstum und die Alterung der Bevölkerung dafür sorgen, dass die Anzahl der Todesfälle von 9'535/Jahr in 2015 auf über 13'000/Jahr in 2050 ansteigt. Zwischen 2008 und 2020 wuchs die Bevölkerung unseres Landes um 1 Million auf 8.5 Millionen. Bei gleicher Prävalenz von Raucherinnen und Rauchern bedeutet dies in absoluten Zahlen einen Anstieg um ca. 200'000 Personen, die rauchen. Neueste Zahlen zum Zigarettenverkauf in der Schweiz im Jahr 2020 zeigen einen Anstieg um 4%, nach Jahren mit sinkenden Werten. Diese Zahlen machen nachdenklich!

Die Preise für Medikamente tendieren stetig nach oben, vor allem im Zusammenhang mit bestimmten Therapien zur Behandlung von tabakbedingten Krebserkrankungen. Und auch sonstige Kosten im Zusammenhang mit Arbeit, Sozialem oder Umwelt dürften sich aus heutiger Sicht mittel- bis langfristig ebenfalls kaum nach unten bewegen.

Quellen


[i] Fischer, Barbara; Mäder, Beatrice; Telser, Harry (2020): Volkswirtschaftliche Kosten von Sucht. Studie im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit BAG. Polynomics. Online verfügbar unter https://www.bag.admin.ch/bag/fr/home/das-bag/publikationen/forschungsberichte/forschungsberichte-sucht.html.

[ii] Bundesrat (2021): Perspektiven der schweizerischen Drogenpolitik. Bericht des Bundesrates in Erfüllung des Postulats 17.4076 Rechsteiner Paul, 12. Dezember 2017. Bern.

[iii] Weltgesundheitsorganisation (2017): Tobacco and its environmental impact: an overview. Genf: Weltgesundheitsorganisation.

[iv] Mattli, Reto; Farcher, Renato; Dettling, Marcel; Syleouni, Maria-Eleni; Wieser, Simon (2019): Die Krankheitslast des Tabakkonsums in der Schweiz. Schätzung für 2015 und Prognose bis 2050. Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Winterthur.

[v] Action on Smoking and Health (ASH) (2020): Smoking, employability, and earnings. London. Online verfügbar unter https://ash.org.uk/information-and-resources/reports-submissions/reports/smokingemployability/.

[vi] Action on Smoking and Health (ASH) (2021): The cost of smoking to the social care system. London.; Reed, Howard (2021): The costs of smoking to the social care system and related costs for older people in England: 2021 revision. Landman Economics for ASH.

[vii] All Party Parliamentary Group (APPG) on Smoking and Health (2021): Delivering a Smokefree 2030: The All Party Parliamentary Group on Smoking and Health recommendations for the Tobacco Control Plan 2021. Online verfügbar unter https://ash.org.uk/wp-content/uploads/2021/06/APPGTCP2021.pdf.

 

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