SDG 4

Hochwertige Bildung

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Das Recht auf hochwertige Bildung ist Kernstück des vierten UNO-Nachhaltigkeitsziels. Das Rauchen gefährdet dieses Ziel. In den meisten Ländern mit geringer oder mittlerer Wirtschaftskraft geben die Haushalte mehr Geld für tabakhaltige Produkte aus als für die Bildung ihrer Kinder. In Bulgarien, Indonesien, Myanmar und Nepal wenden die armen Familien 5 bis 15 Prozent ihres Einkommens dafür auf, weshalb es ihnen oft unmöglich ist, die Schulkosten für ihre Kinder zu bezahlen.[1] In Vietnam geben Raucherinnen und Raucher fast viermal mehr Geld für Zigaretten aus als für die Bildung.

Wenn ein Elternteil tabakbedingt erkrankt, unterbrechen die Kinder häufig ihre Ausbildung, um sich um ihn zu kümmern. Bisweilen müssen sie sogar eine Arbeit aufnehmen, um die Lohneinbussen wettzumachen. Auf Landesebene schmälern die Aufwendungen für tabakbedingte Präventionsmassnahmen und Gesundheitskosten die öffentlichen Mittel für Bildung.

Das Rauchen gefährdet überdies die Lernfähigkeit der Kinder und Teenager, indem es zu einer Beeinträchtigung der Hirnentwicklung führt. Der präfrontale Cortex ist diejenige Hirnzone, die für die «höheren kognitiven Funktionen» – insbesondere Sprache, Arbeitsgedächtnis und Denken – zuständig ist und als eine der letzten zur vollen Reife gelangt. Im Teenageralter befindet sich der präfrontale Cortex noch in der Entwicklung, weshalb der Kontakt mit Nikotin zu irreversiblen molekularen Veränderungen an den Synapsen führen kann, wie dies Forschungsarbeiten an Tiermodellen gezeigt haben.[2]

Dies steigert bei jungen Konsumentinnen und Konsumenten tabakhaltiger Produkte das Risiko für psychiatrische und Aufmerksamkeitsdefizit-Störungen. Bedenkt man, dass in der Schweiz 24 Prozent der 15- bis 19-Jährigen rauchen und eine grosse Mehrheit der Liebhaber tabakhaltiger Produkte vor dem 21. Geburtstag zur ersten Zigarette greift, ergibt sich, dass ein grosser Teil der Teenager im Recht auf hochwertige Bildung gefährdet ist.[3] Dieser Anteil wird noch grösser, wenn auch E-Zigaretten und erhitzte Tabakprodukte berücksichtigt werden, die genau so nikotinhaltig sind wie herkömmliche Zigaretten und bei der Jugend auf zunehmenden Zuspruch stossen.

Die Tabakindustrie kennt die Risiken von Nikotin für die Jugend, richtet ihre Werbung aber nichtsdestotrotz auf diese Altersgruppe. So bringt sie billige Einweg-E-Zigaretten auf den Markt oder nikotinhaltige Liquide mit Aromen, die den Teenagern gefallen sollen: Tagada-Erdbeere, Caramel-Cookie oder Coca-Cola. Von 2003 bis 2016 haben die Zigarettenmultis überdies eine Lobbying-Offensive bei UNICEF durchgeführt, der UNO-Agentur für Kinderrechte, und haben diese so stark infiltriert, dass sie ihre Bemühungen im Kampf gegen den Tabakkonsum von Jugendlichen zurückgestellt hat.[4]

In den tabakproduzierenden Ländern wirkt sich das Rauchen ganz direkt auf das Recht auf Bildung aus, arbeiten doch viele Kinder und Teenager auf den Tabakplantagen und können deshalb nicht zur Schule gehen. Weltweit arbeiten rund 1,3 Millionen unter 14-Jährige auf den Tabakfeldern und 10 bis 14 Prozent der Kinder von Landarbeiterinnen und Landarbeitern gehen nicht zur Schule.[5] Alleine in Indien sind es 500 000.

Das Problem spitzt sich in der Erntezeit zu, weil diese äusserst arbeitsintensiv ist. Und weil die Tabakindustrie den Tabakpflückerinnen und -pflückern nur kleine Löhne ausrichtet, müssen diese ihre Kinder beiziehen, um das Haushalteinkommen zu steigern.[6]

Dieses Phänomen ist nicht auf Entwicklungsländer wie Kasachstan und Malawi beschränkt. Auch in den USA arbeiten zahlreiche Kinder in den Tabakplantagen von Kentucky, Nord-Carolina, Tennessee und Virginia.[7] In einigen Ländern wie Bangladesch sind in den Zigarettenfabriken auch Minderjährige beschäftigt, die deshalb nicht zur Schule gehen können und hier erst noch schädlichem Nikotinstaub ausgesetzt sind.[8] Der Hautkontakt mit den Tabakblättern kann überdies zu einer Nikotinvergiftung führen, die für Kinder besonders schwer wiegend ist.

Die Zigarettenfabrikanten sind sich des Imageschadens sehr wohl bewusst, den Bilder von Kindern auf Tabakplantagen verursachen. Daher haben sie mehrere NGOs gegründet, deren angebliches Ziel die Bekämpfung der Kinderarbeit ist. So etwa die Stiftung Eliminating Child Labour in Tobacco-Growing (ECLT), die 2000 in Genf gegründet wurde und sich als unabhängige Stiftung zur Ausrottung der Kinderarbeit in der Tabakbranche darstellt.

In Tat und Wahrheit sind die vier grossen Zigarettenmultis – British American Tobacco, Imperial Tobacco, Japan Tobacco International und Philip Morris International – allesamt im Stiftungsrat vertreten und stellen die gesamten Betriebsmittel bereit; 2020 waren dies 5,7 Millionen US-Dollar.[9] Ihre Aktivitäten beschränken sich auf eine Handvoll Vorträge, öffentliche Deklarationen und Entwicklungsprojekte, die allem Anschein nach keinen direkten Bezug zur Bekämpfung der Kinderarbeit haben. Vielmehr sucht sie dadurch, in den tabakproduzierenden Ländern politisches Gewicht zu entfalten.[10] Seit Jahren werden die nebulösen Aktivitäten der ECLT von Organisationen der Tabakprävention angeprangert.

Die ECLT hat es mit ihrem Lobbying auch geschafft, die Massnahmen von UNICEF und der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) zu beeinflussen. 2017 hat die IAO zugegeben, dass sie 5,3 Millionen US-Dollar von der ECLT erhalten hat.[11] Für die Zigarettenindustrie sind alle Mittel recht, um die schädliche Wirkung der Tabakindustrie auf das universelle Recht auf hochwertige Bildung vergessen zu machen.

 

[1] https://www.who.int/fctc/implementation/publications/who-fctc-undp-wntd-2017.pdf?ua=1

[2] Goriounova, Natalia A, and Huibert D Mansvelder. “Short- and long-term consequences of nicotine exposure during adolescence for prefrontal cortex neuronal network function.” Cold Spring Harbor perspectives in medicine vol. 2,12 a012120. 1 Dec. 2012, doi:10.1101/cshperspect.a012120

[3] https://tabagisme.unisante.ch/combien-de-jeunes-fumeurs-en-suisse/

[4] The Tobacco Industry and Children’s Rights, Yvette van der Eijk, Stella A. Bialous, Stanton Glantz, Pediatrics May 2018, 141 (5) e20174106; DOI: 10.1542/peds.2017-4106

[5] https://www.who.int/fctc/implementation/publications/who-fctc-undp-wntd-2017.pdf?ua=1

[6] https://www.theguardian.com/world/2018/jun/25/revealed-child-labor-rampant-in-tobacco-industry

[7] https://www.hhrjournal.org/2018/08/child-labor-in-global-tobacco-production-a-human-rights-approach-to-an-enduring-dilemma/

[8] Efroymson, Debra; FitzGerald, Sian; Jones, Lori (2011): Tobacco and Poverty: Research for Advocacy Guidelines. HealthBridge Foundation of Canada. Ottawa. Abrufbar online unter https://healthbridge.ca/images/uploads/library/TobaccoPovertyResearchGuidelines_English.pdf.

[9] https://tobaccotactics.org/wiki/eclt/

[10] Otañez, M G et al. “Eliminating child labour in Malawi: a British American Tobacco corporate responsibility project to sidestep tobacco labour exploitation.” Tobacco control vol. 15,3 (2006): 224-30. doi:10.1136/tc.2005.014993

[11] https://tobaccotactics.org/wiki/eclt/