Passivrauchen und Gesundheit
(at) In vielen europäischen Ländern gelten Gesetze für rauchfreie Arbeitsplätze. Die Gesundheit der Bevölkerung hat in diesen Ländern Vorrang vor den Wirtschaftsinteressen der Tabakindustrie. Die Forderung nach rauchfreien Arbeitsplätzen stützt sich ab auf eindeutige Fakten von Gesundheitsschäden, verursacht durch Passivrauchen. In der Schweiz sterben jeden Tag fast drei Menschen an den Folgen des Passivrauchens.
Was ist Passivrauch?
Tabakrauch besteht aus einem Gemisch von mehr als 4000 chemischen Stoffen. Über 50 dieser Stoffe erzeugen Krebs. Passivrauch setzt sich zusammen aus dem Rauch der glimmenden Zigarette und dem von den Rauchenden ausgeatmeten Rauch. Er enthält viele derselben Giftstoffe wie der Rauch, der von Rauchenden inhaliert wird. Aber er entsteht bei niedrigeren Temperaturen, weshalb zahlreiche Giftstoffe in einer höheren Konzentration vorkommen.
Warum ist Passivrauchen ein Problem?
Tabakrauch ist die grösste Quelle von Luftverschmutzung in Innenräumen, in denen geraucht wird. Passivrauchen verursacht Krankheit und führt zu vorzeitigem Tod. Schätzungen für die Schweiz haben ergeben, dass dem Passivrauchen jährlich rund 1000 Menschen zum Opfer fallen.
So ist der Tabakrauch in Innenräumen die Hauptursache für hohe Belastungen mit Feinstaub. Eine wissenschaftliche Studie im Auftrag der Lungenliga Schweiz belegt erstmals die hohe Belastung in Schweizer Gastronomiebetrieben. Gemessen wurden die Feinstaubpartikel kleiner als 2,5 Mikrometer im Durchmesser (PM2.5). Partikel dieser Grösse gelangen bis tief in die Lungen. Feinstaub aus Tabakrauch ist unter anderem krebserregend.
Die 129 Messungen zwischen Ende November 2007 und Mitte Januar 2008 in 99 Restaurants, Bars und Cafés in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz lieferten folgende Resultate:
- In einem Raucherlokal lag die durchschnittliche Feinstaubkonzentration rund 8-mal höher als in einem Nichtraucherlokal.
- In sechs Bars, in denen geraucht wurde, war die durchschnittliche Feinstaubkonzentration 18-mal höher als in rauchfreien Lokalen.
- In extremen Fällen war die Belastung durch Feinstaub in Raucherlokalen 33-mal höher.
- Sogar in einem abgetrennten Nichtraucherabteil lag die Feinstaubbelastung 3-mal höher als in einem Nichtraucherlokal.
Wie schadet Passivrauchen der Gesundheit?
- Bei erwachsenen Nichtrauchenden schadet Passivrauchen unmittelbar dem Herz-Kreislauf-System und verursacht Lungenkrebs und Herzkrankheiten.
- Bei Kindern verlangsamt Passivrauchen das Lungenwachstum und verschlimmert Asthma, Atemwegskrankheiten und Mittelohrerkrankungen. Zudem steigt das Risiko eines niedrigen Geburtsgewichts und eines plötzlichen Kindstodes.
Besonders gefährdet durch unfreiwilliges Rauchen sind Schwangere und stillende Mütter sowie Kinder, Lungenkranke, Asthmatikerinnen und Asthmatiker und herzkranke Menschen. Bereits nach einem halbstündigen Aufenthalt in einem verrauchten Raum kann die Blutzufuhr zum Herz zurückgehen.
Warum versagen Lüftungsanlagen beim Passivrauch?
Auch leistungsstarke Lüftungsanlagen in Restaurants und Bars beseitigen bloss die sichtbaren Rauchschwaden. Wissenschaftliche Studien zu Lüftungsanlagen haben Folgendes ergeben:
- Trotz der Luftfilter bleiben die winzig kleinen, hochgiftigen Gase des Tabakrauchs in den Innenräumen zurück.
- Die Entlüftung von Innenräumen andererseits müsste die Stärke eines Sturms erreichen, um einen deutlichen Schutz vor diesen Gasen zu gewährleisten.
Wie wirksam ist der Schutz vor Passivrauchen?
Auch in der Schweiz haben verschiedene wissenschaftliche Forschungsarbeiten die positiven Folgen eines wirksamen Schutzes vor Passivrauchen nachgewiesen.
Herzrhythmus
Wie beeinflussen gesetzliche Regelungen für rauchfreie Gastrobetriebe die Gesundheit der Serviceangestellten? Dazu erfasst die COSIBAR-Studie (Cohort study on smokefree interventions in bars and restaurants) neben der Belastung durch Passivrauchen unter anderem erstmals die Herzrhythmusvariabilität. Derartige objektive Messungen sind wissenschaftlich aussagekräftiger als subjektive Angaben der Angestellten etwa über Atemwegsbeschwerden. Bisher liegen vorläufige Resultate vor.
- Nach der Einführung rauchfreier Gastrobetriebe verbesserte sich die Belastung durch Passivrauchen am Arbeitsplatz signifikant. Im Durchschnitt lag die Belastung nachher 12-mal tiefer.
- Zugleich führte die tiefere Belastung durch Passivrauchen nach sechs bis zwölf Monaten zu einer signifikanten Erhöhung der Herzrhythmusvariabilität, entsprechend verkleinerte sich das Herzinfarktrisiko.
Gesetzliche Bestimmungen für rauchfreie Gastrobetriebe wirken sich demzufolge positiv auf die Gesundheit der Serviceangestellten aus:
- Die Schädigung des Herzrhythmus durch Passivrauchen am Arbeitsplatz kann rückgängig gemacht werden.
- Die Zunahme der Herzrhythmusvariabilität liegt durchschnittlich rund dreimal höher als die natürliche Abnahme der Variabilität pro Altersjahr. Mit anderen Worten, durch die Einführung rauchfreier Gastrobetriebe sind die Serviceangestellten bezüglich Herzrhythmusvariabilität drei Jahre jünger geworden.
Die COSIBAR-Studie wird vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut in Basel zusammen mit dem Institut Universitaire Romand de Santé au Travail in Lausanne und dem Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich durchgeführt.
Chronisch obstruktive Lungenkrankheit
Eine Studie der Genfer Universitätsspitäler belegte erstmals einen deutlichen Rückgang von Spitaleinweisungen wegen Atemnot bei chronisch obstruktiver Lungenkrankheit COPD nach dem Inkraftreten des kantonalen «Gesetzes über das Rauchverbot in den öffentlichen Räumen» im November 2009.
Bis Dezember 2010 gingen in der Wohnbevölkerung die Spitaleinweisungen aufgrund von Atemnot bei chronisch obstruktiver Lungenkrankheit und von Lungenentzündung um 19 Prozent zurück. Diese Untersuchung ist die erste, die eine solche statistisch signifikante Abnahme festgestellt hat.
Herzinfarkte
Seit März 2008 sind im Kanton Graubünden die öffentlich zugänglichen geschlossenen Räume rauchfrei. Auch im zweiten Jahr nach Inkrafttreten der Gesetzesbestimmungen lag die Anzahl neuer Fälle von akuten Herzinfarkten eindeutig tiefer als vorher. In einem solchen Fall empfehlen die medizinischen Richtlinien eine Koronarografie.
- Im Durchschnitt der beiden Jahre lag die Anzahl Koronarografien mit 21 Prozent signifikant tiefer als in den beiden vorangegangenen Jahren.
- Der Rückgang beschränkte sich auf Nichtraucherinnen und Nichtraucher und fiel besonders ausgeprägt aus bei Personen mit bestehenden Herzbeschwerden.
- Hingegen war im Kanton Luzern, der bis zur Einführung des Bundesgesetzes im Mai 2010 keinen gesetzlichen Schutz vor Passivrauchen kannte, von März 2007 bis Februar 2010 kein entsprechender Rückgang zu beobachten.
Wer ist in der Schweiz dem Passivrauchen ausgesetzt?
- 2010 rauchten insgesamt 10 Prozent der 14- bis 65-jährigen Bevölkerung während mindestens sieben Stunden pro Woche unfreiwillig mit. Bei den Nichtrauchenden betraf dies 7 Prozent.
- Am höchsten ist die Belastung in Discotheken und Danceclubs und bei Freunden, Bekannten und Verwandten zu Hause.
- 74 Prozent der Gäste in Restaurants, Cafés und Bars fühlen sich durch den Tabakrauch belästigt, 43 Prozent sogar sehr oder ziemlich stark.
- Mögliche Gründe, warum trotz des Bundesgesetzes zum Schutz vor Passivrauchen über eine Exposition berichtet wird, können Ausnahmeregelungen sein, eine Nichteinhaltung des Rauchverbots oder die Verlagerung des Rauchens in den Aussenbereich von Restaurants, Cafés und Bars, den die Befragten unter Umständen zum Lokal hinzuzählen.
- Einem generellen Rauchverbot in Restaurants, Cafés und Bars stimmen 79 Prozent der 14- bis 65-jährigen Bevölkerung zu.
- Jugendliche und junge Erwachsene sind dem Tabakrauch viel stärker ausgesetzt als Ältere. Von den 14- bis 19-Jährigen atmen 20 Prozent, von den 20- bis 24-Jährigen sogar 29 Prozent wöchentlich mindestens sieben Stunden Passivrauch ein.
- 2010 waren am Arbeitsort 28 Prozent der erwerbstätigen Personen dem Tabakrauch anderer Leute ausgesetzt (inklusive Pausen).
- 2010 arbeiteten 7 Prozent der Erwerbstätigen in Betrieben, in denen das Rauchen allgemein erlaubt war oder nur geringe Einschränkungen wie Nichtraucherzonen vorhanden waren. Für 8 Prozent der erwerbstätigen Personen gab es am Arbeitsort keine Tabakrauchregelung. Diese Gruppe umfasst auch Selbständige und Personen, die zu Hause oder in Einpersonenbetrieben arbeiten, für die keine gesetzlichen Regelungen zum Schutz vor Passivrauchen gelten.
- Die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung zwischen 14 und 65 Jahren weiss um die Schädlichkeit des Passivrauchens.
Quellen
2006 Surgeon General's Report - The Health Consequences of Involuntary Exposure to Tobacco Smoke
www.cdc.gov/tobacco/data_statistics/sgr/2006/index.htm.
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www.bma.org.uk.
The Smoke Free Partnership (Cancer Research UK, European Respiratory Society, Institut National du Cancer and the European Heart Network), Lifting the smokescreen. 10 reasons for a smoke free Europe, Manuscript completed in February 2006
www.smokefreepartnership.eu.
Pascal A. Diethelm, Mortalité due au tabagisme passif en Suisse. Estimations d’OxyRomandie, septembre 2005
www.oxygeneve.ch.
Lungenliga Schweiz, Feinstaubbelastungen in Schweizer Gastronomiebetrieben, in: Information der Lungenliga Mai 2008
www.lungenliga.ch.
American Society of Heating, Refrigerating and Air-Conditioning Engineers, Inc., ASHRAE Position Document on Environmental Tobacco Smoke. Approved by ASHRAE Board of Directors October 22, 2010, Atlanta, Georgia
www.ashrae.org
James Repace et al., Fact Sheet on Secondhand Smoke, Repace Associates, Inc., Secondhand Smoke Consultants
www.repace.com.
Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut, COSIBAR (Cohort study on smokefree interventions in bars and restaurants),
www.swisstph.ch.
Jean-Paul Humair et al., Etude d'impact de l'interdiction de fumer à Genève sur les hospitalisations et l'exposition de la population à la fumée passive, Rapport 25.5.2011 du Département des affaires régionales, de l'économie et de la santé, République et canton de Genève DARES
http://ge.ch/dares.
Piero O. Bonetti et al., Incidence of acute myocardial infarction after implementation of a public smoking ban in Graubünden, Switzerland: Two year follow-up, in: Swiss Medical Weekly 2011; 141: w13206
www.smw.ch.
Radtke, T., Keller, R., Krebs, H. & Hornung, R. (2011). Passivrauchen in der Schweizer Bevölkerung 2010. Tabakmonitoring - Schweizerische Umfrage zum Tabakkonsum. Zürich: Psychologisches Institut der Universität Zürich, Sozial- und Gesundheitspsychologie
www.tabakmonitoring.ch.
Herausgeberin: Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz
Stand: August 2012
Autor: Nicolas Broccard

Was ist Passivrauch?