Faule Argumente
(at) Mit öffentlichen Kampagnen versuchen die Zigarettenfabrikanten ihren schlechten Ruf aufzupolieren und treten als scheinbar "verantwortungsvolle" Unternehmen auf. Doch widersetzen sie sich allen Massnahmen, die wirksam den Tabakkonsum reduzieren. Stattdessen greifen die Zigarettenfabrikanten zu Halbwahrheiten, um das Publikum auf ihre Seite zu ziehen.
Genuss mit Risiko
Die Zigarettenindustrie handelt unverantwortlich, wenn sie zu einem massvollen Konsum von Zigaretten aufruft. Der Genuss jeder einzelnen Zigarette ist verbunden mit gesundheitlichen Risiken. Es gibt keinen sicheren Gebrauch von Tabakwaren:
- Jede Art des Tabakkonsums kann Krebs, Herz-Kreislauf-Krankheiten und andere Erkrankungen verursachen.
- "Leichte" oder "milde" Zigaretten sind ebenso schädlich wie starke Zigaretten.
Der Konsum von Tabakerzeugnissen unterscheidet sich grundsätzlich vom Alkoholkonsum oder Autofahren; in diesen Fällen erhöht erst ein massloser Alkoholkonsum oder eine gefährliche Fahrweise das Krankheits- und Todesrisiko.
Die Zigarette ist das einzige frei erhältliche Produkt, bei dem die Hälfte der Konsumentinnen und Konsumenten vorzeitig stirbt, wenn diese das Produkt gemäss der Gebrauchsanweisung der Hersteller verwenden. Von 1000 Personen, die als Jugendliche zu rauchen beginnen und ihr Leben lang weiterrauchen, sterben 250 vor und 250 nach dem 70. Altersjahr an tabakbedingten Krankheiten.
Knapp 60 Prozent der Schweizer Bevölkerung wissen, dass es keinen risikolosen Genuss von Tabakprodukten gibt. 37 Prozent sind irrtümlicherweise der Ansicht, Rauchen sei erst ab einer bestimmten Anzahl Zigaretten schädlich. 4 Prozent haben keine Meinung.
Bewusste Desinformation
Die Tabakindustrie behindert eine vollständige Information über die gesundheitlichen Risiken des Rauchens. Beharrlich verschweigt die Industrie die Suchtwirkung des Nikotins. Zehn Sekunden nach einem kräftigen Lungenzug aus einer Zigarette wird das Gehirn mit Nikotin überschwemmt:
- Im Gehirn löst das Nikotin angenehme Gefühle aus wie Konzentrationsfähigkeit und Entspannung, aber auch ein starkes Glücksgefühl.
- Die Erinnerung an die positiven Gefühle verankert sich im Langzeitgedächtnis. Sinkt der Nikotinspiegel, meldet sich das Verlangen nach einer weiteren Zigarette.
- Wird dieses Verlangen nicht gestillt, tauchen bald Entzugserscheinungen auf: depressive Verstimmung, Angst, Konzentrationsschwierigkeiten.
Der Griff zur nächsten Zigarette ist vorprogrammiert. In diesem Fall von einem freien Entscheid zu reden, ist ein besonders krasses Beispiel bewusster Desinformation. Seit Ende der 1960er Jahre sind die Tabakkonzerne aufgrund eigener Forschungen bestens im Bild über die Suchtgefahr des Nikotins.
Nikotin macht in kurzer Zeit abhängig
Die Nikotinsucht kann sich schon bei Jugendlichen nach dem Ausprobieren weniger Zigaretten einstellen. Unzutreffend ist die gängige Ansicht, eine Nikotinabhängigkeit würde sich erst nach mehreren Jahren starken Tabakkonsums einstellen.
Zwei der drei häufigsten Gründe, die rauchende Jugendlichen als Gründe für das Rauchen angeben, widerspiegeln direkt die Nikotinabhängigkeit: "Das Rauchen ist zur Gewohnheit geworden" (73 Prozent) und "Ich bin oft im Stress und das Rauchen beruhigt mich" (65 Prozent).
52 Prozent aller Rauchenden in der Schweiz möchten mit dem Rauchen aufhören, 9 Prozent haben die Absicht, innert 30 Tagen mit dem Rauchstopp zu beginnen. Bei täglichen Raucherinnen und Rauchern steigt die Aufhörbereitschaft noch höher. Aber die Suchtwirkung des Nikotins ist so stark, dass nur wenige den Ausstieg schaffen.
Die Tabakindustrie hat sich stets geweigert, in Werbung, Promotion und Sponsoring die Gefahren des Rauchens zu erwähnen. Allein aufgrund des gesetzlichen Drucks fügt die Industrie Warnhinweise hinzu.
In der Richtlinie 2001/37 über die Herstellung, die Aufmachung und den Verkauf von Tabakerzeugnissen vom 5. Juni 2001 hat die Europäische Union irreführende Begriffe wie "light" oder "mild" untersagt und grössere Warnhinweise vorgeschrieben wie beispielsweise "Rauchen macht sehr schnell abhängig: Fangen Sie gar nicht erst an!"
Boykott wirksamer Massnahmen
Alle Präventionsmassnahmen, die nachweislich Wirkung zeigen, werden von den Zigarettenfabrikanten abgelehnt:
- hohe Tabaksteuern
- umfassendes Werbeverbot
- überzeugende Präventionskampagnen in den Medien
- gesetzliche Regelungen für rauchfreie Lebenswelten
Solche Massnahmen bewirken einen Rückgang des Tabakkonsums sowohl bei jungen als auch bei erwachsenen Rauchern und Raucherinnen.
Stattdessen möchten die Zigarettenfabrikanten den Eindruck erwecken, gesetzliche Einschränkungen des Tabakkonsums seien nicht nötig. Die Industrie würde auf freiwilliger Basis schon genügend tun, um Jugendliche vom Rauchen abzuhalten sowie Nichtraucherinnen und Kinder vor Tabakrauch zu verschonen.
Aber bis heute sind die Fabrikanten den Beweis schuldig geblieben, dass ihre Aktionen zur Tabakprävention die Anzahl junger Raucherinnen und Raucher tatsächlich verringern.
Versteckte Botschaft
Die Tabakindustrie sagt, Rauchen sei eine Sache für Erwachsene. Gleichzeitig stellt sie den Jugendlichen die Zigarette als verbotene Frucht hin und führt das Rauchen als einen Akt der Rebellion vor. So stachelt die Industrie die Neugier der Kinder und Jugendlichen auf die Zigarette an.
Belege für dieses bewusste Doppelspiel finden sich wiederholt in den Industriedokumenten, etwa in einem Marketingbericht von Imperial Tobacco von 1977:
"Eines der wirklich attraktiven Dinge ist die schlichte Tatsache, dass die Zigarette eine verbotene Frucht ist. Wenn Heranwachsende etwas suchen, das ihnen das Gefühl gibt sowohl anders zu sein als auch alt genug zu sein, das Gewicht der Autorität von Eltern und Lehrpersonen in den Wind zu schlagen, sodass Heranwachsende das Gefühl haben einen eigenen Entscheid zu treffen, was könnten sie Besseres finden als eine Zigarette?"
Offiziell ist die Tabakwerbung deklariert für Erwachsene ab 18 Jahren. Die wahre Zielgruppe dieser Werbung sind jedoch die 15- bis 17-Jährigen. Jugendliche dieses Alters möchten bereits erwachsen sein. Bei den 15- bis 17-Jährigen ist denn auch das Risiko am grössten, vom Experimentieren mit der Zigarette in einen regelmässigen Konsum abzugleiten.
Schuld abschieben
In einem ersten Schritt behauptet die Zigarettenindustrie, nicht das Marketing für Zigaretten, sondern der Gruppendruck von Gleichaltrigen sei der Grund für das Rauchen bei Jugendlichen.
Im nächsten Schritt schieben die Zigarettenfabrikanten den Eltern, der Lehrerschaft und den Gesundheitsbehörden die Verantwortung zu. Eltern und Lehrer seien schuld, wenn Jugendliche dem Gruppendruck nicht widerstehen und zu rauchen anfangen würden.
Mit keinem Wort spricht die Tabakindustrie davon, dass Werbung für Zigaretten direkt Kinder und Jugendliche beeinflusst. Schlagendes Beispiel ist immer noch die Einführung der Comicfigur Joe Camel im Jahr 1988:
1991 haben in den USA 30 Prozent der Dreijährigen und 91 Prozent der Sechsjährigen diese Comicfigur korrekt mit der Zigarettenmarke Camel verknüpft.
Bereits kleine Kinder nehmen die Tabakwerbung wahr, sie erkennen, dass es sich um Werbung für Zigaretten handelt, und sie erinnern sich später an diese Zigarettenwerbung.
Gesetzlicher Schutz
Einzig gesetzliche Massnahmen gewährleisten den Schutz der Nichtraucherinnen und Nichtrauchern vor den gesundheitsschädlichen Folgen des Passivrauchens. Passivrauchen macht krank. 1993 erklärte die US-Umweltschutzbehörde den Tabakrauch zu einem Karzinogen der Gruppe A (krebserregende Stoffe, die bei Menschen Krebserkrankungen verursachen). Im selben Jahr wies eine Schweizer Forschungsgruppe nach, dass Passivrauchen nicht nur bei Kindern, sondern ebenso bei Erwachsenen eine ganze Reihe von Atemwegserkrankungen auslöst.
Die grosse Mehrheit der Bevölkerung will frei von Tabakrauch leben. Die Zigarettenindustrie propagiert gegenseitige Rücksichtnahme und versucht, gesetzliche Auflagen zum Schutz vor Passivrauchen soweit als möglich zu verhindern.
Doch die sogenannte Toleranz der Zigarettenindustrie hat versagt. In der Schweiz rauchen 25 Prozent der Nichtraucher und Nichtraucherinnen täglich mindestens eine Stunde lang unfreiwillig mit.
Die Passivrauchexposition findet vor allem in Gaststätten und am Arbeitsplatz statt, aber auch an Veranstaltungsorten, in Schulen, in öffentlichen Verkehrsmitteln und im privaten Bereich (im Auto, zu Hause in der eigenen Wohnung oder im Freundeskreis).
Passivrauchen erfolgt grundsätzlich unfreiwillig. Weil das unfreiwillige Rauchen Krankheit und Tod verursacht, muss der Gesetzgeber das Rauchen in öffentlichen Räumen untersagen.
Rauchfreier Arbeitsplatz
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben das Recht auf einen rauchfreien Arbeitsplatz. Der Arbeitgeber hat im Rahmen der betrieblichen Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass die nichtrauchenden Personen nicht durch das Rauchen anderer belästigt werden (Verordnung 3 zum Arbeitsgesetz, Artikel 19).
Nichtraucherinnen und Nichtraucher dürfen keinen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sein und nicht durch Rauch gestört werden.
Eine entsprechende Belästigung wird durch das subjektive Gefühl bestimmt. Demzufolge sind diejenigen, die sich wirklich belästigt fühlen, auch tatsächlich belästigt. In der Schweiz sind 51 Prozent der erwerbstätigen Nichtraucher und Nichtraucherinnen am Arbeitsort (inklusive Pausen) dem Tabakrauch anderer Leute ausgesetzt. Zwei Drittel von ihnen fühlen sich durch das Passivrauchen belästigt.
Nur 42 Prozent der Erwerbstätigen glauben, dass es gesetzliche Bestimmungen gibt, die den Arbeitgeber verpflichten, die Nichtrauchenden am Arbeitsplatz vor dem Passivrauchen zu schützen.
Gegensätzliche Interessen
Fazit: Die Interessen der Tabakprävention und diejenigen der Zigarettenindustrie schliessen sich gegenseitig aus.
Die Ziele der Tabakprävention sind unmissverständlich:
- Kinder und Jugendliche vom Tabakkonsum fernhalten oder den Einstieg möglichst lange hinauszögern.
- Rauchende beim Ausstieg aus der Nikotinsucht unterstützen.
- Die nichtrauchenden Personen vor den gesundheitsschädigenden Auswirkungen des Passivrauchens schützen.
Wirksame Prävention löst unweigerlich einen Rückgang des Zigarettenkonsums aus.
Hingegen ist das Ziel der Tabakkonzerne, möglichst viele Zigaretten zu verkaufen und einen möglichst hohen Gewinn herauszuschlagen. Folglich sind die Ziele der Prävention und die Interessen der Zigarettenkonzerne unvereinbar.
Das Geschäft mit der Zigarette ist und bleibt unverantwortlich. Bloss anhand fauler Argumente können sich die Tabakkonzerne als "verantwortungsvolle" Unternehmen darstellen.
Richtig ist:
- Für Erwachsene ist der Griff zur Zigarette genauso mit tödlichen Risiken behaftet wie für Jugendliche.
- Schon der Konsum weniger Zigaretten kann zur Nikotinsucht führen.
Fachleute der Prävention aus aller Welt haben deshalb die Tabakkonzerne aufgefordert, sich sofort ganz aus der Tabakprävention zurückzuziehen.
Quellen
Jacques Le Houezec, Pharmacologie de la nicotine et dépendance au tabac, in: Médecine & Hygiène No 2452 1.10.2003.
www.medhyg.ch
Anne Landman, Pamela M. Ling, Stanton A. Glantz, Tobacco Industry Youth Smoking Prevention Programs: Protecting the Industry and Hurting Tobacco Control, in: American Journal of Public Health 2002; 92: 917-930.
www.ajph.org
Action on Smoking or Health, Big Health squares up to Big Tobacco, and tells Marlboro Man to butt out of smoking prevention campaigns, ASH Press release 24 October 2002.
www.ash.org.uk/html/press/021023.html
Schweizerische Umfrage zum Tabakkonsum (Tabakmonitoring) im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG): Zusammenfassung des Berichts 2001/02, Juni 2003, Zusammenfassung des Jugendberichts, Juni 2003, Zusammenfassung des Berichts zum Passivrauchen, Oktober 2003,
www.suchtundaids.bag.admin.ch/themen/sucht/tabak/zahlen_fakten/01098/index.html
Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz
Text: Nicolas Broccard
Stand: Dezember 2003

Genuss mit Risiko