Landmark-Studie: Enttäuschende Ergebnisse zum Tabakpräventions-Unterricht an Schulen?
Es war im Dezember 2000, als im Staat Washington die "Landmark"-Studie publiziert wurde. Auf die Veröffentlichung der Studie und deren Ergebnisse gingen Reaktionen aus der ganzen Welt ein. Tabakpräventions-Fachleute und PädagogInnen wehrten sich gegen "voreilig gezogene Schlüsse" über den Wert von schulischen Tabakpräventionsprogrammen auf der Basis der sozialen Einflussnahme.
Es ist zu vermuten dass unter Umständen weltweit die Schulen unter Kreditkürzungen leiden könnten, wenn die Tabakprävention an der Schule in der nordwestlichen Ecke der USA in Misskredit gerät. Wir haben hier die Resultate der Studie und eine Auswahl von Stellungnahmen von Fachleuten für Sie kurz zusammengefasst.
Dem Gruppendruck widerstehen
Seit 1985 hat die Methode der Stärkung von sozialen Kompetenzen in der schulischen Tabakprävention in vielen Studien und in einer Handvoll Meta-Analysen als die wirksamste gegolten. Dazu gehört als tragendes Element der Widerstand gegen soziale Einflussnahme, was im Staat Washington während 15 Jahren angewandt wurde und die Basis für die Landmark-Studie bildete.
Die Klassenlehrkräfte wurden für dieses Programm besonders ausgebildet. Drittklässler zum Beispiel formten Papiersäcke zu Puppen und spielten damit "Gefahren des passiven Rauchens und Genuss, saubere Luft zu atmen". 12-jährige SchülerInnen übten in Rollenspielen das Ablehnen von angebotenen Zigaretten und Gegendruck zu Gruppendruck. Die Neuntklässler spielten Szenen von Produktehaftpflicht-Prozessen nach, um aufzuzeigen, wie die Tabakindustrie die "tödliche Wirkung" des Rauchens zu verschweigen versucht.
"Die Lehrer taten ihr Bestes, und die Lehrmittel waren auf dem höchsten Stand", versicherte Studienleiter Arthur V. Peterson Jr vom Fred Hutchinson Krebsforschungszentrum in Seattle.
Zahlen
Die Studie lief von 1984 bis 1999. 8'400 SchülerInnen mit mehr als 600 Lehrkräften aus 40 Schulkreisen wurden einbezogen. Damit war sie die am längsten dauernde schulische Tabakpräventionsstudie.
In städtischen und ländlichen Gebieten wurden die Schulkreise nach dem Zufallsprinzip der Studien- oder Kontrollgruppe zugeteilt. Die Kontrollgruppen erhielten die "normale" Gesundheitserziehung. Das nationale Krebs-Institut setzte 15 Millionen Dollars für das Programm ein, um der ständig wachsenden Zahl jugendlicher Raucher entgegen zu wirken. Wenn der Trend nicht umgekehrt werden könnte, würden 5 Millionen der heutigen Jugendlichen vorzeitig an den Folgen des Rauchens sterben, argumentierte das Krebs-Institut.
94 Prozent der in die Studie einbezogenen Drittklässler konnten zwei Jahre nach dem High school-Abschluss noch befragt werden - eine erstaunlich hohe Zahl. Das Ergebnis der Befragung war:
- Von den 17-jährigen Schülerinnen rauchten 24,4 Prozent der Studiengruppe und 24,7 Prozent der Kontrollgruppe.
- Unter den Schülern war das Verhältnis ähnlich: 26,3 Prozent zu 26,7 Prozent.
Aus diesen Ergebnissen wurde der Schluss gezogen, das Erkennen von gesellschaftlichem Druck und das Üben des Widerstands gegen Gruppendruck sei keine wirksame Methode der schulischen Tabakprävention.
Stellungnahmen von Fachleuten
Einbezug mehrerer Faktoren
Die Fachwelt fand, das Hutchinson Krebsforschungszentrum habe sich die Sache zu leicht gemacht. Zu einem wirksamen Tabakpräventionsprogramm gehören neben dem Widerstand gegen Gruppendruck erwiesenermassen auch:
- die Information über die Wirkung des Tabakrauchs auf die Organe
- die Stärkung des Selbstwertgefühls und der Selbstsicherheit
- Kenntnis über die Wirkung der Werbung
- Rauchregeln, die die Jugendlichen vor Passivrauchen schützen
- der Einbezug der sozialen Normgebung
- greifende Jugendschutzgesetze
- geeignete Preispolitik
- massenmediale Kampagnen
- Ergänzung der schulischen Programme durch ausserschulische Programme
Kontrollgruppe
Ein US-Amerikaner äusserte Zweifel an der Kontrollgruppe: Wie wurde die Kontrollgruppe ausgewählt?
Wie wurde sichergestellt, dass die Kontrollgruppe nicht ähnliche Programme im "normalen" Gesundheitsförderungsunterricht durch arbeitete wie die Interventionsgruppe, zumal es sich um Programme zum Widerstand gegen Gruppendruck handelte, was in der Sucht- und Aidsprävention allgemein häufig angewandt wird, nicht bloss in der Tabakprävention.
Und weiter: Wären die Resultate eindeutiger, wenn die Interventionsgruppe ausser dem Gruppendruckprogramm auch andere in der Tabakprävention häufig angewandte Programme zur Anwendung gekommen wären?
Verantwortlichkeit der Schule
Frustriert zeigte sich eine Schottin von der Sichtweise "Alles oder nichts":
"Es ist schon so, dass 18-Jährige rauchen, ob sie nun als 7-Jährige Puppen und als 13-Jährige Rollenspiele gemacht haben oder nicht, auch wenn die Lehrmittel auf dem höchsten Stand waren. Zu rauchen anfangen hat mindestens ebenso viel zu tun mit dem, was ausserhalb der Schule abläuft. Die Schule kann nicht verantwortlich gemacht werden für das Verhalten von Teenagers in allen Lebensbereichen."
"Verurteilen wir irgend ein anderes Schulprogramm bloss deshalb, weil die jungen Leute Lektionsinhalte vergessen haben, kaum sind sie aus der Schule? Erwarten wir von Kindern, dass sie in einem Fach irgend etwas nachhaltig lernen, wenn ein paar Aktivitäten über viele Jahre gestreut werden, und erwarten wir weiter, dass dies weit über die Schulzeit hinaus seine dominante Wirkung behält? Wird irgend ein anderer Lerninhalt dermassen durchkreuzt von einer machtvollen allgegenwärtigen multinationalen Industriepropaganda? Ich war in der Sekundarschule sehr gut in Physik und Chemie und hatte beste Noten. Heute würde ich keine Prüfung mehr bestehen. Heisst das, mein Schulprogramm hat versagt?"
"Bitte hört auf, von der Schule zu erwarten, dass sie ein soziales Problem allein löst. Lasst sie ihren Beitrag dazu leisten, der halt eben ein Kurzzeitbeitrag bleibt. Darin haben die Evaluatoren in Seattle recht: Tabakprävention durch die Schule ist nicht genug. Das haben Erzieher auch nie behauptet."
und...
Aus Kambodscha kommt die Mahnung, dass die schulische Erziehung als kleiner Teil des Gesamtbildes gesehen werden müsse. Was wird getan in Ländern
- ...wo wenig Information und noch weniger Gesundheitserziehung eingesetzt werden?
- ...wo die Botschaften zum Rauchen absolut einseitig und dominant sind?
- ...wo die Leute nach dem 20. Altersjahr zu rauchen beginnen?
- ...wo der Einfluss von Eltern und Lehrern (auch der negative) noch sehr stark ist?
Wir müssen uns erinnern, was vor 30 bis 40 Jahren in den für gute Tabakprävention bekannten Ländern zur langsamen, aber stetigen Verminderung der Raucherrate geführt hat: Die Erkenntnis, dass der Tabakkonsum gesundheitsschädigend ist."
Fazit
Die Studie hat vermutlich bestätigt, was einige Fachleute bereits seit geraumer Zeit denken.
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Dem Gruppendruck widerstehen