Wissenschaftler im Dienst der Tabakindustrie

(at) Die medizinische Erforschung des Passivrauchens hat hieb- und stichfest nachgewiesen, dass unfreiwilliges Mitrauchen Krankheit und Tod verursacht. Aus diesem Grund muss der Gesetzgeber Bürgerinnen und Bürger vor Tabakrauch schützen. Wirksame Massnahmen zur Tabakkontrolle bedrohen jedoch das Geschäft mit der Zigarette. Deshalb haben die Zigarettenhersteller mit allen Mitteln versucht, die medizinische Forschung in Misskredit zu bringen.

Risiko Passivrauchen

Im Januar 1993 veröffentlichte die US-Umweltschutzbehörde den Bericht "Gesundheitliche Auswirkungen des Passivrauchens auf die Atmung: Lungenkrebs und andere Beschwerden". Aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist die Behörde zum Schluss gelangt, dass Passivrauchen eindeutig krebserregend ist und bei Erwachsenen Lungenkrebs verursachen kann.

Bei Kindern steigt aufgrund des Passivrauchens das Risiko von Infektionen der unteren Atemwege wie Bronchitis oder Lungenentzündung, kommen vermehrt chronische Mittelohrbeschwerden vor, werden die oberen Atemwege gereizt und die Lungenfunktion vermindert, verschlimmern sich Asthmabeschwerden und treten neue Fälle von Asthma auf.

Vier Monate später gab der Schweizerische Nationalfonds erste Resultate bekannt der Schweizer Studie über Umweltbelastungen und Atemwegserkrankungen bei Erwachsenen SAPALDIA. Diese hat erstmals einen direkten Dosis-Wirkungs-Nachweis erbracht für das Passivrauchen bei Erwachsenen. Menschen, die regelmässig und über lange Zeit hinweg Tabakrauch einatmen müssen, haben

  • 1,9-mal häufiger einen pfeifenden Atem
  • 1,7-mal so oft Anzeichen einer chronischen Bronchitis und 1,6-mal Beschwerden einer akuten Bronchitis
  • 1,5-mal öfter Atembeschwerden
  • 1,4-mal häufiger ein ärztlich diagnostiziertes Asthma.

Als Vergleich dienen Menschen, die in einer rauchfreien Umgebung leben. Passivrauchen stellt folglich auch in der Schweiz für Betroffene ein ernste Bedrohung der Gesundheit dar.

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Gewinneinbusse

Passivrauchen erfolgt grundsätzlich unfreiwillig. Schadet aber das unfreiwillige Rauchen der Gesundheit, müssen Gesetzgeber das Rauchen in öffentlichen Räumen untersagen. Seit 1995 haben in der Schweiz die Arbeitgeber im Rahmen der betrieblichen Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass die Nichtraucherinnen und Nichtraucher durch das Rauchen anderer Personen nicht belästigt werden.

Wird das Rauchen eingeschränkt, geht für die Tabakindustrie der Gewinn zurück. Weniger Zigaretten werden konsumiert, Klagen vor Gericht auf Schadenersatz gegen Zigarettenfirmen nehmen zu, Geschäftsleute und Politiker gewähren der Tabakindustrie weniger Unterstützung.

Mitte 1993 schätzte eine von Philip Morris finanzierte Lobbygruppe in einem geheimen Dokument die Gewinneinbusse jährlich auf mehr als eine Milliarde US-Dollar, wenn aufgrund gesetzlicher Einschränkungen Raucher und Raucherinnen die Anzahl täglich konsumierter Zigaretten um drei bis fünf Stück vermindern.

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Die Wissenschaft untergraben

Die Tabakindustrie untergräbt die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. Deshalb haben die Zigarettenproduzenten ein allgemeines Rauchverbot oder Beschränkungen des Rauchens auf Rauchzonen stets abgelehnt. Zu diesem Zweck hat sie die wissenschaftlichen Grundlagen für den Schutz der nichtrauchenden Personen in Zweifel gezogen und rundweg abgestritten, dass Passivrauchen krank macht.

Ein simpler Trick

Die Kampagne gegen die medizinische Wissenschaft beruht auf einer einfachen Manipulation:

Mit Hilfe gezielter Öffentlichkeitsarbeit sind die Anforderungen an wissenschaftliche Nachweise gesundheitlicher Risiken so hoch hinaufzuschrauben, dass der Nachweis von Gesundheitsschäden durch Passivrauchen verunmöglicht wird.

Das Risiko für Lungenkrebs ist beim Passivrauchen 1,2-mal und für Herz-Kreislauf-Krankheiten 1,3-mal grösser. Viele mit Passivrauchen verbundene Risiken liegen unter dem Wert eines 2-mal höheren Risikos.

Was liegt also aus der Sicht der Tabakindustrie näher, als die Latte für diese Risiken über den Wert 2 hinaufzusetzen. Liessen sich die Anforderungen an Forschungen über die Auswirkungen des Passivrauchens derart hoch anheben, wären die Anforderungen kaum mehr zu erfüllen. Die Gesundheitsförderung könnte kaum Belege vorweisen für die Schädlichkeit des Passivrauchens, für Rauchverbote würden sich keine Gründe anführen lassen, der Gesetzgeber dürfte sich nicht um den Schutz der nichtrauchenden Personen kümmern ... und die Zigarettenproduzenten müssten keine Gewinneinbussen hinnehmen.

Erforschung des Passivrauchens - eine "Schundwissenschaft"?

In einem ersten Schritt behauptete die Tabakindustrie, ein Risiko unterhalb des Werts von 2 würde gar keine wirkliche Gefahr darstellen. Zum Beispiel sei das 1,2-mal höhere Risiko eines Lungenkrebses bloss das Resultat statistischer Verzerrungen. Die Tabakindustrie zählte verschiedene scheinbare Fehler auf: Die Auswahl einer von Passivrauchen betroffenen Bevölkerungsgruppe (etwa Ehefrauen von Rauchern) und einer entsprechenden Kontrollgruppe (Ehefrauen, deren Männer nie geraucht haben) sei schwierig zu treffen; beim Passivrauchen würden andere Faktoren eine Rolle spielen wie Luftverschmutzung und Ernährungsgewohnheiten.

In einem zweiten Schritt verunglimpfte die Tabakindustrie Forschungsarbeiten als "Schundwissenschaft", wenn sie dieser Anforderung nicht entsprachen. Forschungen hingegen, die die willkürliche Messlatte eines mindestens 2-mal höheren Risikos erfüllen würden, stellte die Industrie als sogenannt "vernünftige Wissenschaft" dar.

Geflissentlich hat die Tabakindustrie verschwiegen, dass die von ihr an den Pranger gestellten wissenschaftlichen Studien auf weltweit anerkannten Methoden beruhen. SAPALDIA hat die insgesamt 4'197 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sorgfältig ausgewählt und haargenau in Studiengruppe und Kontrollgruppe aufgeteilt. Selbstverständlich hat SAPALDIA eine ganze Reihe zusätzlicher Faktoren für das Passivrauchen miteinbezogen; alle Resultate gelten unabhängig von weiteren Faktoren und sind statistisch hieb- und stichfest. Von Verzerrungen kann nicht die Rede sein.

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Pseudokontroversen

Bereits im Februar 1993 startete Philip Morris in den USA die Kampagne "vernünftige Wissenschaft" und stellte für die ersten sechs Monate 320'000 Dollar bereit. Das Ziel war, eine Kontroverse um den Bericht "Gesundheitliche Auswirkungen des Passivrauchens" der US-Umweltschutzbehörde vom Zaun zu reissen. Doch beschränkte sich Philip Morris auf die Arbeit hinter den Kulissen. Den Auftritt in der Öffentlichkeit übernahmen scheinbar unabhängige Wissenschaftler; grosse Publicrelationsfirmen stellten die diversen Kontakte her. Ein ähnliches Spiel betrieb der Zigarettenmulti auch in Europa.

Stets setzen die Publicrelationsfirmen die gleichen Kunstgriffe ein:

  • Berater der Tabakindustrie schreiben Briefe an wissenschaftliche Fachzeitschriften und kritisieren die Methode von Studien, die diese Zeitschriften veröffentlicht haben.
  • Wissenschaftler bestreiten anerkannte Forschungsmethoden.
  • Forschungsarbeiten, insgeheim von der Industrie gesponsert, vernebeln den Stand des Wissens über das Passivrauchen.
  • Scheinbar unabhängige Fachtagungen stiften gezielt Verwirrung.

Selbst die Schweiz ist von solchen Aktionen nicht verschont geblieben.

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SAPALDIA im Visier

So meldete sich 1993 Jean-Claude Bardy (damals Direktor der Vereinigung der schweizerischen Zigarettenindustrie) bei Peter Atteslander (zu dem Zeitpunkt Professor an der Universität Augsburg) und bat ihn um eine "Sachverständigen-Prüfung" der SAPALDIA-Resultate. Tatsächlich kritisierte Atteslander später das methodische Vorgehen von SAPALDIA in derselben Fachzeitschrift, die bereits die Ergebnisse der SAPALDIA-Studie veröffentlicht hatte. Atteslander brachte die gängigen Einwände vor und versuchte eine Scheinkontroverse zu entfachen; er unterliess es jedoch, seine finanziellen Verknüpfungen mit der Tabakindustrie offen zu legen.

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Beispielloser Betrug

Auch Ragnar Rylander, (früher Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität Genf und Direktor des Departements Umweltmedizin der Universität Göteborg,) war für eine grosszügige Entlöhnung als wissenschaftlicher Berater für Philip Morris tätig, ohne dieses Arbeitsverhältnis bekannt zu geben. Als Lungenspezialist kümmerte er sich um die Auswirkungen des Passivrauchens auf die Gesundheit. Doch die Beziehung zur Tabakindustrie beeinträchtigte seine wissenschaftliche Unabhängigkeit. So veränderte er wissenschaftliche Daten, um sie mit den Interessen seiner Geldgeber in Einklang zu bringen: Statt Tabakrauch erschien plötzlich der Konsum von Eiern, Käse und Milch als Risiko für Atembeschwerden bei Kindern.

Im März 2001 warfen Pascal Diethelm (Präsident von OxyGenève) und Jean-Charles Rielle (medizinischer Leiter des Centre d'information et de prévention du tabagisme CIPRET) Rylander öffentlich vor, die schädlichen Auswirkungen des Passivrauchens auf die Gesundheit verschleiert zu haben. Darauf reichte Ragnar Rylander gegen die beiden Präventionsfachleute Klage ein wegen übler Nachrede.

Doch Rielle und Diethelm haben stichhaltig nachgewiesen, dass Rylanders Datenmanipulation ein beispielloser wissenschaftlicher Betrug ist. Nach zweieinhalb Jahren endete die gerichtliche Auseinandersetzung mit einem Sieg der Tabakprävention. Am 15. Dezember 2003 wurden Rielle und Diethelm durch das Urteil des Strafgerichts des Kantons Genf vom Vorwurf der Verleumdung freigesprochen. Rylander musste zudem die Kosten des Prozesses übernehmen.

Bereits Mitte Dezember 2001 veröffentlichte die Universität Genf einen Bericht zu den Vorwürfen an Rylander. Zwar würde kein einziger Hinweis auf wissenschaftlichen Betrug vorliegen, schrieb das Rektorat, aber Rylander war zuwenig gewissenhaft gewesen bei der Wahl seiner wissenschaftlichen Methoden. Es legte Rylander nahe, sich öffentlich von der missbräuchlichen Verwendung seiner Forschungen durch Tabakfirmen loszusagen. Als Schlussfolgerung hat das Rektorat allen Mitgliedern der Universität empfohlen, von der Tabakindustrie kein Geld mehr anzunehmen. Unterdessen laufen an der Universität Genf zwei zusätzliche Untersuchungen, um das ganze Ausmass der Affäre Rylander ans Licht zu bringen.

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Neues Verwirrspiel

Am 21. Mai 2003 stand die Abstimmung über die internationale Konvention zur Tabakkontrolle auf dem Programm der 56. Versammlung der Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die Konvention setzt dem globalen Geschäft mit der Zigarette enge Grenzen. Sechs Tage vor der Abstimmung versuchte die englische Fachzeitschrift BMJ, eine neue Runde im Verwirrspiel um die Gefahren des Passivrauchens zu eröffnen.

Die Medienmitteilung von BMJ trug den Titel "Passive smoking may not kill". Als Grundlage diente ein Beitrag in der Zeitschrift, den US-Tabakfirmen mitfinanziert hatten. Zwar konnte die Tabakindustrie dank dieses Beitrags in dieser angesehenen Fachzeitschrift für Medizin die Kontroverse um das Passivrauchen neu entfachen. Doch diese blieb ohne Einfluss auf die Abstimmung in Genf. Die 192 WHO-Mitgliedstaaten nahmen die Konvention zur Tabakkontrolle einstimmig an.

Die Aussage in BMJ, Passivrauchen würde Lungenkrebs nicht verursachen, beruht auf einer einzigen Studie mit 177 Krankheitsfällen. Demgegenüber hat die Internationale Agentur für Krebsforschung in Lyon (eine WHO-Organisation) 45 Studien mit 6'182 Fällen von Lungenkrebs ausgewertet. Abgestützt auf diese breite Datenbasis kommt die Agentur für Krebsforschung eindeutig zum Schluss: "Passivrauchen verursacht Lungenkrebs".

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Fazit: Distanz zur Tabakindustrie

Heute geben sich die Zigarettenhersteller in öffentlichen Auftritten betont den Anstrich verantwortungsbewusster Unternehmer. An ihrer Zielsetzung hat sich aber kaum etwas geändert. Sie stellen sich nach wie vor gegen wirksame Kontrollen des Tabakkonsums und wollen möglichst hohe Umsätze und Gewinne erwirtschaften.

Gegenüber dem Passivrauchen nimmt die Tabakindustrie weiterhin eine schwammige Haltung ein. So bezieht Philip Morris U.S.A. auf der offiziellen Webseite selber keine Position, sondern meint bloss, die Gesundheitsbehörden würden den Schluss ziehen, dass Passivrauchen Krankheiten verursacht. (www.pmusa.com, Stand 1. Juli 2003). Zudem behauptet die Zigarettenindustrie trotz Gegenbeweisen immer noch, ein Luftabzug sei eine Alternative zum Rauchverbot in öffentlichen Räumen.

Elisa K. Ong und Stanton A. Glantz haben den Kampf der Tabakindustrie gegen die "Schundwissenschaft" dokumentiert und sind zu folgender Einsicht gekommen: Solange die Tabakindustrie fortfährt, weltweit den Konsum von Tabak bei Kindern wie Erwachsenen aggressiv zu vermarkten, ist die Gesundheitsförderung gut beraten, zu dieser Industrie auf Distanz zu bleiben.

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Quellen

P. Leuenberger et al., Passive Smoking Exposure in Adults and Chronic Respiratory Symptoms (SAPALDIA Study), in: American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine 1994; 150: 1221-1228. www.ajrccm.org

Jonathan M. Samet. Thomas A. Burke, Turning Science Into Junk: The Tobacco Industry and Passive Smoking, in: American Journal of Public Health 2001; 91: 1742-1744. www.ajph.org

Derek Yach, Stella Aguinaga Bialous, Junking Science to Promote Tobacco, in: American Journal of Public Health 2001; 91: 1745-1748. www.ajph.org

Elisa K. Ong, Stanton A. Glantz, Constructing "Sound Science" and "Good Epidemiology": Tobacco, Lawyers, and Public Relations Firms, in: American Journal of Public Health 2001; 91: 1749-1757. www.ajph.org

Monique E. Muggli et al., The Smoke You Don't See: Uncovering Tobacco Industry Scientific Strategies Aimed Against Environmental Tobacco Smoke Policies, in: American Journal of Public Health 2001; 91: 1419-1423. www.ajph.org

Chung-Yol Lee, Stanton A. Glantz, The Tobacco Industry's Successful Efforts to Control Tobacco Policy Making in Switzerland, University of California, San Francisco January 2001. www.library.ucsf.edu/tobacco/swiss/swiss.pdf

Allan Hackshaw, Environmental tobacco smoke and lung cancer, in: BMJ Rapid responses 30 May 2003. bmj.com/cgi/eletters/326/7398/1057#32784

Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz
Text: Nicolas Broccard
Stand: Dezember 2003

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