Tabakindustrie unterläuft Prävention
(at) Ein Blick hinter die sogenannten "Präventionsprogramme" der Zigarettenfabrikanten zeigt, dass diese ganz anderes im Sinn haben. Tabakmultis täuschen den Eltern und der Politik bloss vor, sie würden gegen das Rauchen von Jugendlichen vorgehen. In Tat und Wahrheit graben solche "Präventionsprogramme" wirksamen Massnahmen zur Tabakkontrolle das Wasser ab.
Öffentliches Misstrauen
Die Industrie vermarktet Zigaretten gezielt an Kinder und Jugendliche. Eindrückliches Beispiel ist die Joe Camel-Kampagne, 1987 von R. J. Reynolds lanciert (zweitgrösste Tabakfirma der USA). Der Anteil von Camel am US-Zigarettenmarkt der Jugendlichen stieg von einem Prozent vor der Einführung auf 13 Prozent im Jahr 1993. Die Comicfigur Joe Camel ist von Anfang an für Kinder und Jugendliche entwickelt worden.
Das Marketing an Jugendliche hat das Geschäft mit der Zigarette belebt, aber dem Image der Tabakmultis geschadet. Als politische Antwort auf das öffentliche Misstrauen haben die Zigarettenproduzenten in den 1980er Jahren zuerst in den USA, später in der ganzen Welt "Präventionsprogramme für Jugendliche" lanciert.
Heute betreibt die Industrie auf aggressive Weise in mehr als 150 Ländern solche Programme. In der Schweiz laufen entsprechende Aktionen im Namen der Vereinigung der schweizerischen Zigarettenindustrie, der die Schweizer Vertretungen der drei weltweit grössten Tabakunternehmen Philip Morris, British American Tobacco und Japan Tobacco International angehören; die hiesige sogenannte 'youth smoking prevention' ist nur eine Kopie der in den USA entwickelten "Präventionsprogramme".
Doch stets ist die Tabakindustrie den Beweis schuldig geblieben, dass ihre Programme tatsächlich die Anzahl Rauchender unter Jugendlichen vermindern. Im Gegenteil, unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen haben nachgewiesen, dass diese Programme nichts zur Tabakprävention beitragen und sogar Jugendliche indirekt zum Konsum von Tabakprodukten anregen.
Schattenseiten
Die Industrieprogramme weisen drei entscheidende Lücken auf:
- Mit keinem Wort geht die Industrie auf die gesundheitsschädlichen Folgen des Tabakkonsums ein. Dabei steht seit dem Bericht der US-Gesundheitsbehörde "Reducing the Health Consequences of Smoking" von 1964 fest, dass Rauchen die Gesundheit ruiniert.
- Mit keinem Wort erwähnt die Industrie, dass Nikotin süchtig macht, obwohl es daran keinen Zweifel mehr gibt, wie die US-Gesundheitsbehörde 1988 im Bericht "The Health Consequences of Smoking: Nicotine Addiction" dargelegt hat.
- Mit keinem Wort spricht die Tabakindustrie davon, wie stark die Werbung und das Sponsoring Kinder und Jugendliche beeinflussen. So können über 90 Prozent der sechsjährigen Kinder in den Vereinigten Staaten die Comicfigur Joe Camel der Zigarettenwerbung richtig zuordnen. Wie jede Werbung will auch die Werbung für Zigaretten den Konsum ankurbeln und neue Kunden und Kundinnen gewinnen.
Zugleich widersetzen sich die Zigarettenfabrikanten hartnäckig allen Massnahmen, die erwiesenermassen Jugendliche vom Tabakkonsum abhalten.
Politische Ziele
Mit ihren sogenannten "Präventionsprogrammen für Jugendliche" polieren die Zigarettenproduzenten ihr schlechtes Ansehen in der Öffentlichkeit auf und bekämpfen gleichzeitig wirksame Gesetze, die den Tabakkonsum regeln. Von Beginn an hat die Tabakindustrie "Präventionsprogramme" für ihre politischen Ziele missbraucht.
Imagepflege
"Präventionsprogramme" sollen den Eindruck erwecken, die Industrie würde sich ernsthaft sorgen um die Rauchgewohnheiten junger Menschen. Die Tabakmultis wollen in der Öffentlichkeit als 'verantwortungsvolle Unternehmen' erscheinen. In manchen Fällen ist ihnen dies auch gelungen, wie folgende Beispiele veranschaulichen.
In den Vereinigten Staaten kann Lorillard Tobacco Company (fünftgrösste Tabakfirma der USA) für die Aktion "Tobacco is Whacko If You're A Teen" etwa auf MTV Werbespots in Fernsehsendungen zeigen, in denen ein Zigarettenproduzent üblicherweise nichts zu suchen hat. Viele dieser Spots fordern Teenager auf, die Website von Lorillard aufzusuchen. Dort gibt es Fragebögen auszufüllen und Wettbewerbe zu gewinnen. Dies ermöglicht Lorillard, unter falschem Vorwand weiterhin Marketingdaten über Jugendliche zu erheben, die sich von Lorillards Werbespots angesprochen fühlen: Was sind deine Lieblingsstars, welches Spiel hast du am liebsten, wo möchtest du deine Traumferien verbringen ...?
In Polen hat Philip Morris das Programm "Can I do it?" in 70 Schulen getestet und wird laut eigenen Angaben damit bis 2004 über 90 Prozent der tschechischen Schulen abdecken; unter anderem unterstützen das Erziehungsministerium und die Elternvereinigung der Tschechischen Republik die Aktion.
In Deutschland schloss der Verband der Zigarettenindustrie mit dem Bundesministerium für Gesundheit im März 2002 eine Vereinbarung zur Finanzierung von Programmen zur Förderung des Nichtrauchens von Kindern und Jugendlichen. Der Verband repräsentiert die grossen Tabakfirmen wie Philip Morris, British American Tobacco und Reemtsma. Die Zigarettenfirmen verpflichteten sich, insgesamt 11,8 Millionen Euro zu zahlen für einen Zeitraum von fünf Jahren. Zwar sei die Bundesregierung mit der Vereinbarung keinerlei politische Verpflichtungen gegenüber der Zigarettenindustrie eingegangen, betonte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marion Caspers-Merk. Doch der Tabakindustrie ist es gelungen, mit der Bundesregierung zusammenzuspannen und nach aussen ein "Zeichen zur Prävention des Rauchens von Kindern und Jugendlichen" zu setzen. Ausserdem stimmte die Bundesrepublik Deutschland anfangs Dezember 2002 im EU-Ministerrat gegen die neue Richtlinie über Werbung und Sponsoring für Tabakwaren und verlangte für die Tabakwerbung weniger Einschränkungen in den Printmedien.
Dank der "Präventionsprogramme" haben die Zigarettenfirmen vielerorts Verbindungen eingehen können zu Organisationen, die sonst zur Tabakindustrie auf Distanz gehen, wie Ministerien für Gesundheit, Erziehung, Jugend und Sport sowie Umwelt oder Justiz.
Kampf gegen Gesetze zur Tabakkontrolle
Ausserdem haben die Tabakmultis die "Präventionsprogramme" eingesetzt, um gesetzliche Einschränkungen des Tabakkonsums zu hintergehen. Der Eindruck soll entstehen, die Industrie würde schon viel tun, um Jugendliche vom Rauchen abzuhalten. Weder ein Werbeverbot noch hohe Tabaksteuern noch Verordnungen zum Schutz der Nichtrauchenden seien nötig, behauptet die Industrie.
Indirekte Werbung
"Eines der wirklich attraktiven Dinge ist die schlichte Tatsache, dass die Zigarette eine verbotene Frucht ist. Wenn Heranwachsende etwas suchen, das ihnen das Gefühl gibt sowohl anders zu sein als auch alt genug zu sein, das Gewicht der Autorität von Eltern und Lehrpersonen in den Wind zu schlagen, sodass Heranwachsende das Gefühl haben einen eigenen Entscheid zu treffen, was könnten sie Besseres finden als eine Zigarette? Diese ist eine persönliche Aussage, ein freches Abenteuer, ein Meilenstein im Leben."
So fasste 1977 ein Marketingbericht von Imperial Tobacco (viertgrösste Tabakfirma weltweit) die eigene Botschaft an die 16-jährigen Jugendlichen zusammen. Seit langem präsentiert die Werbung das Rauchen als eine Sache für Erwachsene, als verbotene Frucht und als einen Akt der Rebellion.
In ihren "Präventionsprogrammen" geht die Industrie genau gleich vor. Wer den Minderjährigen die Zigarette als verbotene Frucht vor die Nase stellt, macht das Rauchen für Kinder und Jugendliche erst recht attraktiv.
Neuerdings adressiert Philip Morris in den Vereinigten Staaten die "Präventionsprogramme" sogar an 10- bis 14-jährige Kinder. Das verschafft dem Multi gleich zwei Vorteile:
- Einerseits kann Philip Morris offiziell bereits jüngere Teens ansprechen, ihnen das Rauchen verbieten und zugleich die Neugier der jungen Teenager wecken.
- Gleichzeitig kann Philip Morris das Thema Tabakprävention von älteren Teens fernhalten. Bei 15- bis 17-jährigen ist das Risiko am grössten, vom gelegentlichen Experimentieren mit der Zigarette in einen regelmässigen Konsum abzugleiten.
Jugendliche dieser Altersgruppe richten ihr Augenmerk auf Werbung für junge Erwachsene, weil sie selber bereits mündig sein wollen. Deshalb bildet die Altersgruppe der 15- bis 17-jährigen die wahre Zielgruppe der Tabakwerbung, auch wenn diese Werbung offiziell für junge Erwachsene ab 18 Jahren deklariert ist.
Verantwortung
Das Tobacco Institute (finanziert von den grossen US-Zigarettenunternehmen) erläuterte 1991 in einem "Diskussionspapier" die "recht einfache Strategie":
- In einem ersten Schritt behauptet die Zigarettenindustrie, nicht die Werbung, sondern der Gruppendruck von Gleichaltrigen sei der Grund für das Rauchen Jugendlicher.
- Im nächsten Schritt schieben die Zigarettenfabrikanten den Eltern, der Lehrerschaft und den Gesundheitsbehörden die Verantwortung zu. Wenn Jugendliche dem Gruppendruck nicht widerstehen und anfangen würden zu rauchen, dann seien Eltern und Lehrer unfähig, Kinder vor dem schädlichen Einfluss Gleichaltriger zu schützen.
Zur gleichen Strategie gehört die Befürwortung der Altersgrenze von 18 Jahren für den Verkauf von Tabakwaren; in der Schweiz nennt sich die entsprechende Aktion "OK Kampagne" und soll den Verkauf von Zigaretten an Jugendliche unterbinden. Mit einer gesetzlich verankerten Alterslimite lenkt die Zigarettenindustrie ein weiteres Mal ab vom Einfluss der Werbung und Promotion. Plötzlich sollen nicht mehr die Zigarettenproduzenten, sondern Eltern und Behörden verantwortlich sein für die grosse Anzahl rauchender Teenager.
Schaden anrichten
Ein US-Forschungsteam hat 496 interne Dokumente der Tabakindustrie, die direkt die "Präventionsprogramme" zur Sprache bringen, analysiert und ist zu folgendem Fazit gekommen:
- Die sogenannten "Präventionsprogramme" der Tabakmultis tragen nichts bei zur Verminderung des Tabakkonsums. Das Forschungsteam hat keinen einzigen Beleg für eine mögliche Wirksamkeit gefunden. Wenn die Industrie von "Erfolgen" spricht, handelt es sich um unbewiesene Behauptungen.
- Häufig stehen solche "Präventionsprogramme" der Einführung wirksamer Präventionsmassnahmen im Weg. Eltern sowie Politikerinnen und Politiker können den falschen Eindruck gewinnen, die Zigarettenfirmen würden ihre Verantwortung gegenüber der Jugend wahrnehmen und selbst gegen das Rauchen unter Jugendlichen handeln.
- Derartige "Präventionsprogramme" verkehren sich ins Gegenteil und nützen indirekt der Tabakpromotion. Wenn Philip Morris eigene Unterlagen in fast allen polnischen Schulklassen verteilt, kann der Multi in ganz Polen bereits die Kinder mit seinem Logo und Erscheinungsbild vertraut machen. Und das Rauchen, mit einem Verbot belegt, wird für Jugendliche interessant.
Nicht Teil der Lösung
"Bürgerinnen und Bürger sowie Entscheidungsträger der Politik sollten jedes 'Erziehungsprogramm' der Tabakindustrie zurückweisen", betont das US-Forschungsteam. Würde die Zigarettenindustrie es mit der Prävention ernst meinen, würde sie aufhören, griffige Massnahmen abzulehnen. "Entscheidungsträger in der Politik missachten die Geschichte und betrügen sich selbst, wenn sie glauben, die Tabakindustrie würde alles unternehmen, um die Rekrutierung neuer Raucherinnen und Raucher negativ zu beeinflussen."
Folgerichtig haben am 24. Oktober 2002 die Internationale Union gegen Krebs, die Internationale Union gegen Tuberkulose und Lungenkrankheiten sowie die Weltherzvereinigung in einem öffentlichen Schreiben die Tabakmultis Philip Morris, British American Tobacco und Japan Tobacco International aufgefordert, sich sofort gänzlich aus der Tabakprävention zurückzuziehen. In diesem Sinn ist auch die Behauptung der Schweizer Zigarettenindustrie zurückzuweisen, die Prävention des Tabakkonsums bei Jugendlichen würde die Mitwirkung aller beteiligten Kreise benötigen.
Die medizinischen Fachorganisationen halten unmissverständlich fest: "Die Tabakindustrie ist nicht Teil der Lösung trotz ihrer öffentlichen Beteuerungen. Die Industrie unterstützt bloss jene Massnahmen, die erwiesenermassen ohne Erfolg bleiben, während sie aufs Heftigste Massnahmen bekämpft, die wirksam sind sowohl bei jungen als auch erwachsenen Rauchenden, wie die Erhöhung der Tabaksteuer, ein vollständiges Werbeverbot, überzeugende Kampagnen in den Medien und eine konsequente Politik für rauchfreie Lebenswelten."
Quellen
Anne Landman, Pamela M. Ling, Stanton A. Glantz, Tobacco Industry Youth Smoking Prevention Programs: Protecting the Industry and Hurting Tobacco Control, in: American Journal of Public Health 2002; 92: 917-930.
www.ajph.org
Action on Smoking or Health, Big Health squares up to Big Tobacco, and tells Marlboro Man to butt out of smoking prevention campaigns, ASH Press release 24 October 2002.
www.ash.org.uk
Clive Bates, Persephone Watkins, Ann McNeill, PR in the playground. Tobacco industry initiatives on youth smoking, October 2000.
www.ash.org.uk/html/advspo/html/prmenu.html
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