Gastgewerbe

Die Tabakindustrie verhindert soweit als möglich gesetzliche Auflagen für rauchfreie Gastbetriebe. Seit den 1980er Jahren hat die Tabakindustrie ein weltweites Programm auf die Beine gestellt, um die Branchenorganisationen im Gastgewerbe zu unterwandern und für die politischen Zwecke der Tabakindustrie einzuspannen. In der Schweiz baute Philip Morris zu diesem Zweck engen Kontakt auf zur Association Suisse des Cafés et Restaurants (heute GastroSuisse).

Imageproblem

In den 1970er Jahren verdichteten sich die Hinweise, dass Passivrauchen der Gesundheit schadet. 1993 erklärte die US-Umweltschutzbehörde den Passivrauch zu einem Karzinogen der Gruppe A (Krebs erregende Stoffe, die bei Menschen Krebserkrankungen verursachen). Im selben Jahr wies eine Schweizer Forschungsgruppe nach, dass Passivrauchen nicht nur bei Kindern, sondern ebenso bei Erwachsenen eine ganze Reihe von Atemwegskrankheiten bewirken kann. Kurz, auch das Passivrauchen macht krank.

Je mehr medizinische Wissenschaftler die Schädlichkeit des Passivrauchens erhärtet haben, desto weniger haben die Leute das unfreiwillige Mitrauchen in der Öffentlichkeit geduldet. Zugleich hat unter Rauchenden der Wunsch aufzuhören zugenommen. Diese Entwicklung hat die Tabakindustrie vor das bisher grösste Imageproblem gestellt: Das Rauchen hat einen schlechten Ruf bekommen.

Ende der 1980er Jahre begann die Tabakindustrie aktiv gegen das schlechte Image vorzugehen:

  • Einerseits versuchte sie, die medizinische Forschung über das Passivrauchen in den Dreck zu ziehen (ausführliche Informationen dazu siehe "Wissenschaftler im Dienst der Tabakindustrie").
  • Anderseits setzte sich die Industrie ein für "Toleranz" gegenüber den Rauchenden.

Doch in den öffentlichen Kampagnen trat die Industrie kaum in Erscheinung. Eine Forschungsgruppe der Universität Kalifornien hat aber nun die verdeckten Aktionen der Tabakindustrie ausführlich dokumentiert.

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Gastgewerbe

Die Tabakindustrie konzentrierte die Auseinandersetzung um rauchfreie Lebenswelten auf die Gastwirtschaft. Sowohl rauchende wie nichtrauchende Gäste sollten sich wohl fühlen, propagierte die Industrie und wollte so das Gastgewerbe auf ihre Seite ziehen. "Rücksichtnahme", "Entschluss von Erwachsenen" und "Freiheit" dienten als Schlagworte.

Die Werbung für "Toleranz" verband die Industrie mit der Behauptung, die Einführung rauchfreier Zonen in Gaststätten würde einen Rückgang des Umsatzes auslösen. Die Behauptung beruht ausschliesslich auf Studien, die von der Tabakindustrie finanziert worden sind. Wissenschaftlichen Qualitätskriterien halten solche Studien nicht stand. Das heisst, sie stützen sich meistens ab auf subjektive Aussagen von Leuten aus dem Gastgewerbe und unterliegen keiner Beurteilung durch externe Spezialisten. Wissenschaftliche Studien, die die Behauptung der Tabakindustrie widerlegen, sind stets ohne Tabakgelder finanziert worden. Diese Studien werten objektive Daten aus wie Angaben von Steuerbehörden, sie verfolgen den Umsatz vor und nach der Einführung gesetzlicher Rauchbeschränkungen lückenlos über mehrere Jahre hinweg, sie halten einer kritischen Beurteilung unbeteiligter Spezialistinnen stand.

Mit keinem Wort hingegen erwähnt die Tabakindustrie die eigenen Gewinneinbussen. Denn die Forderung nach rauchfreien Lebenswelten löst einen Rückgang des Tabakkonsums aus. Dies schmälert zwar das Geschäft mit der Zigarette, nicht aber die Gewinnaussichten im Gastgewerbe.

Während der 1970er Jahre widersetzte sich die Tabakindustrie jeglicher Einschränkung des Rauchens. In den 1980er Jahren aber änderte sie die Strategie; seither akzeptiert sie kleinere freiwillige Einschränkungen. Auf diese Weise beabsichtigt die Tabakindustrie, gesetzliche Regelungen für rauchfreie Lebenswelten zu sabotieren und die Schädlichkeit des Passivrauchens als öffentliches Thema ins Leere laufen zu lassen. Unter dem Zeichen der Gastfreundschaft soll das Rauchen erlaubt sein im Sinn der "gegenseitigen Toleranz" und des "Respektes vor der individuellen Freiheit".

Die Tabakindustrie weiss, dass sie in der Öffentlichkeit nicht glaubwürdig ist. Also spannen die Tabakkonzerne mit Branchenorganisationen aus dem Gastgewerbe zusammen. In vielen Fällen ist es der Industrie gelungen, diese Organisationen für die eigenen Zwecke zu benutzen.

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Entlüftung

Zudem setzte die Tabakindustrie in den 1980er Jahren auf die Karte Entlüftung. Zwar hütete sie sich zu behaupten, eine solche Anlage würde die Gesundheitsprobleme lösen, verursacht durch die Giftstoffe im Tabakrauch. Trotzdem gab sich die Industrie überzeugt, eine leistungsstarke Entlüftung würde den Konflikt zwischen rauchenden und nichtrauchenden Gästen entschärfen.

Ferner hat die Investition in eine teure Entlüftungs- oder Klimaanlage einen günstigen Nebeneffekt für die Industrie. Ein Gastbetrieb, der viel Geld in eine Anlage gesteckt hat, wird nachher das Lokal kaum rauchfrei gestalten; die Investition hätte sich in dem Fall nicht gelohnt.

Unterdessen hat die Propaganda für Entlüftungs- und Klimaanlagen aus mehreren Gründen an Glaubwürdigkeit verloren:

  • Viele Betriebe sahen nicht ein, warum sie wegen des Rauchens teure Installationen vornehmen sollten.
  • Wissenschaftliche Studien belegten, dass auch kräftige Luftabzüge das Problem Tabakrauch nicht beseitigen. Die Teerpartikel im Zigarettenrauch sind so fein, dass sie mit den Gasen zusammen durch Lüftungen eher gleichmässig verteilt statt abgesaugt werden. Eine gute Entlüftung in der Rauchzone hilft nur, den Geruch von abgestandenem Rauch zu verringern.

Ausserdem sollten Arbeitnehmerinnen und -nehmer grundsätzlich nicht gezwungen sein, Tabakrauch mit seinen Giftstoffen einzuatmen.

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Schweiz

In den 1990er Jahren war Philip Morris führend in gemeinsamen Kampagnen mit dem Gastgewerbe. In der Schweiz besass der Tabakkonzern schon 1987 über die Association Suisse des Fabricants de Cigarettes (heute Swiss Cigarette) enge Kontakte zum Schweizerischen Wirteverband (heute GastroSuisse). Diese und weitere Verbindungen aufgedeckt haben Chung-Yol Lee (Kantonsarzt im Kanton Freiburg) und Stanton Glantz (Medizinprofessor an der Universität Kalifornien) in der Dokumentation "The Tobacco Industry's Successful Efforts to Control Tobacco Policy Making in Switzerland".

Im internen Bericht "Switzerland - 1987 Objectives. Corporate Affairs" von Philip Morris ist unter dem Stichwort "Rauchen in Restaurants" zu lesen: "Die Association Suisse des Fabricants de Cigarettes organisierte eine Besprechung mit dem Vorstand des Hotel/Restaurant-Verbands und dem Vorstand des Verbands der Hersteller von Klimaanlagen. Regelmässig werden Artikel vom Hotel/Restaurant-Verband in Zeitungen veröffentlicht über das Thema Passivrauchen ohne die Tabakindustrie zu erwähnen. Eine Vereinbarung über vier Jahre ist von der Association Suisse des Fabricants de Cigarettes und dem Hotel/Restaurant-Verband abgeschlossen worden, die der Industrie erlauben wird, jedes Jahr PR-Kampagnen in über 1'800 Restaurants zu veranstalten."

Beim erwähnten Hotel/Restaurant-Verband handelte es sich um die Association Suisse des Cafés et Restaurants. Deren Mitglieder waren sich offensichtlich nicht bewusst, dass ihr Verband bezüglich Passivrauchen mit den Zigarettenfabrikanten unter einer Decke steckte. In den Augen der Tabakindustrie war diese Zusammenarbeit ein voller Erfolg.

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Verdeckte Interessenpolitik

Dank der Verbindung zwischen Philip Morris und der Association Suisse des Fabricants de Cigarettes (heute Swiss Cigarette) konnte 1990 im Grossen Rat des Kantons Luzern ein Antrag auf rauchfreie Zonen in Restaurants abgewehrt werden. Raymond Pantet, Direktor Public Relations bei Philip Morris für Europa, den Mittleren Osten und Afrika, hielt dazu in einer Aktennotiz fest:

"Dieses positive Ergebnis ist erreicht worden dank deutlicher Stellungnahmen des Direktors der Association Suisse des Cafés et Restaurants sowie des Präsidenten der kantonalen Sektion des Schweizerischen Gewerbeverbands. Beide Verbündeten sind Mitglieder des Kantonsparlaments und waren im Detail über unsere Argumente instruiert worden (Toleranz, Rücksichtnahme, Klimaanlagen)."

Unter der Überschrift "Kein Luzerner Obligatorium für Nichtrauchertische" berichtete die Neue Zürcher Zeitung am 2. Juli 1990 über diese Debatte: "Der Luzerner Grosse Rat ist am Montag nicht auf eine Änderung des Wirtschaftsgesetzes eingetreten, mit der Nichtrauchertische in Restaurants vorgeschrieben werden sollten. 1988 hatte er noch eine entsprechende SP-Motion überwiesen, allerdings mit dem Zusatz 'sofern es die Betriebsverhältnisse zulassen'. Die Ratsmehrheit war unter anderem der Meinung, Nichtrauchertische seien freiwillig und nicht unter gesetzlichem Zwang einzurichten. Eine solche Vorschrift wäre ohnehin in der Praxis nicht durchzusetzen. Eine gute Belüftung der Gaststätten könne die Nichtrauchenden wirksamer vor dem Passivrauchen schützen. Schliesslich handle es sich um eine Frage der Rücksichtnahme." Was im Bericht der NZZ als Meinung der Ratsmehrheit erscheint, ist in Tat und Wahrheit nichts anderes als die Meinung der Tabakindustrie.

Auch im Dreijahresprogramm 1994 bis 1996 hielt Philip Morris als Ziel fest: "Förderung eines freiwilligen Raucher/Nichtraucher Programms für Cafés und Restaurants durch die Arbeitsgruppe von Association Suisse des Fabricants de Cigarettes und Association Suisse des Cafés et Restaurants und durch Lobbying bei der schweizerischen Tourismusbranche." Die beiden Wissenschaftler Chung-Yol Lee und Stanton Glantz sind in ihrer Analyse der verdeckten Beziehungen zwischen Tabakindustrie und Gastgewerbe zu folgendem Ergebnis gelangt: "Die Zusammenarbeit zwischen der Tabakindustrie und dem Gastgewerbe war in der Schweiz sehr erfolgreich, die Einführung wirksamer Rauchregelungen in Restaurants, Cafés und Hotels zu verhindern."

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Weltweit Lobbynetze

Philip Morris stand ebenfalls in engem Kontakt zur International Association of Hotels, Restaurants and Cafes HORECA. Im April 1991 veröffentlichte HORECA für die Mitglieder die Broschüre "Hospitality, Courtesy, Conviviality". Logo wie Argumente dazu hatte Philip Morris geliefert. Das Logo zeigte eine brennende Zigarette in einem Yin und Yang Symbol und sollte Harmonie versinnbildlichen; fast das gleiche Logo hatte der Tabakkonzern bereits in den USA verwendet.

Die Hauptargumente lauteten:

"Diese Initiative beruht auf der Überzeugung, dass die Schaffung eines angenehmen, sympathischen Esserlebnisses eine geschätzte Tradition und eine individuelle Kunst des Gastgebers ist. ... Um diese Tradition zu bewahren ergreift dieses Programm die Initiative, Rauchende wie Nichtrauchende willkommen zu heissen und auf ihre Vorlieben mit gleichem Respekt einzugehen. ... Dies ist eine Anstrengung, nicht nur um unsere Traditionen und unsere Rechte zu bewahren, sondern auch um Risiken undurchsetzbarer Regelungen, von aussen aufgezwungen, vorzubeugen."

Das so genannte "Accommodation Program" bildete für Philip Morris das Kernstück im Kampf gegen gesetzliche Regelungen des Rauchens, wie das folgende interne Dokument belegt:

"Das 'Accomodation Program' dient als Bindegelied zwischen Philip Morris und dem Gastgewerbe. Unsere Fähigkeit, auf das Gastgewerbe nachdrücklich einzuwirken, ist entscheidend für unser oberstes Ziel, unsere Kunden weiterhin unsere Produkte geniessen zu lassen in öffentlichen Räumen wie Restaurants, Hotels ... und Einkaufszentren. Diese Geschäftsbeziehung wird noch wichtiger, solange gesetzliche Gefahren zunehmen ..."

Genauso eng arbeitete Philip Morris mit der International Hotel & Restaurant Association IH&RA zusammen, einer weltweiten Vereinigung der Hotel- und Restaurantbranche mit Mitgliedern aus mehr als 100 Ländern (darunter die Dachverbände GastroSuisse und hotelleriesuisse). Auch diese Organisation übernahm den Standpunkt der Tabakindustrie.

Desgleichen spannte Philip Morris mit HOTREC zusammen. Diese Vereinigung betreibt für nationale Hotel- und Restaurantverbände das Lobbying bei der Europäischen Union; aus der Schweiz sind sowohl hotelleriesuisse als auch GastroSuisse als Mitglieder dabei. 1993 veröffentlichte HOTREC das "Weissbuch", in dem die Vereinigung ihre verschiedenen Standpunkte darlegte. Die Position bezüglich Passivrauchen lag ganz auf der Linie von Philip Morris, der internationale Zigarettenproduzent beteiligte sich an Finanzierung und Vertrieb des Weissbuchs. Ein Hinweis auf Philip Morris fehlte jedoch, HOTREC wollte öffentlich nicht mit dem Tabakkonzern in Verbindung gebracht werden.

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Quellen

J.V. Dearlove, S.A. Bialous, S.A. Glantz, Tobacco industry manipulation of the hospitality industry to maintain smoking in public places, in: Tobacco Control 2002; 11: 94-1004. www.tobaccocontrol.com

Chung-Yol Lee, Stanton A. Glantz, The Tobacco Industry's Successful Efforts to Control Tobacco Policy Making in Switzerland, University of California, San Francisco January 2001. www.library.ucsf.edu/tobacco/swiss/swiss.pdf

M. Scollo, A. Lal, A. Hyland, S.A. Glantz, Review of the quality of studies on the economic effects of smoke-free policies on the hospitality industry, in: Tobacco Control 2003; 12: 13-20. www.tobaccocontrol.com

Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz
Text: Nicolas Broccard
Stand: Juni 2006

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